Zur Erbauung erbaut
Dass die Davoser mit dem Begriff vertrauter sind als Leute andernorts, liegt daran, dass Davos eine regelrechte Sanatoriumshochburg war: Über 50 Sanatorien und Kurpensionen zählte man hier seinerzeit. Was dies im internationalen Vergleich bedeutete, veranschaulichte eine Europakarte, auf der Maria Harman die Stationen aus einem historischen Santoriumsführer verortete. Inmitten über ganz Europa verstreuten, einzelnen Punkten kommts in den Bündner Bergen zu einer aussergewöhnlichen Häufung.
Legendäre Kurärzte wie Spengler und Turban und ihre Heilerfolge machten die Höhenkur zum medizinischen Verkaufsschlager. Die Vielfalt der Kurhäuser machte Davos zum Experimentierfeld der Sanatoriumsarchitektur.
Pioniere der modernen (Spital-)Architektur
Regelrechte Pionierarbeit im Sanatoriumsbau leisteten die Architekten Pfleghard & Haefeli aus Zürich. Sie waren am Bau, Umbau und Erweiterung von zehn grossen Sanatorien in Davos beteiligt. Ihre Sanatorien Schatzalp und Queen Alexandra (heute: Thurgauisch-Schaffhausische Höhenklinik) setzten mit ihren Flachdächern und Stahlbaukonstruktionen neue Massstäbe. Im Sinne des Gesamtkunstwerks entwarfen die Architekten ihre Bauten mit aufwendigen Interieurs, Möbel und kunstgewerblichen Arbeiten. Die den Zimmern vorgelagerten Balkone für die Liegekur machten die Architektur zum integralen Bestandteil der medizinischen Therapie. So sind die Balkone auch eines jener Merkmale, welches den Bautyp Sanatorium charakterisiert und zum Beispiel von einem Hotel unterscheidet. Harman zeigte weiter auf, dass ihre spezielle Lage oft ein vorteilhaftes Mikroklima bietet, umliegende Parks Möglichkeiten für einfache Spaziergänge schaffen und häufig Einrichtungen zur Unterhaltung der Gäste dazugehörten.
Rationalisierung und Formwille
Bereits 1893 forderte Karl Turban in seinen «Normalien für die Erstellung und Leitung von Heilstätten» strickte organisatorische Trennung der Patiententrakte und den medizinischen Einrichtungen. Statt ornamentalem Schnickschnack sollen abwaschbare Oberflächen der Räume und Möbel die Reinigung und Desinfektion vereinfachen. Ein Unterhaltungsprogramm gab es in seiner Heilanstalt(!) nicht mehr, es galt eine rigide Kurordnung. «Kompromisslose Anpassung an die Funktion. Die strengen Anforderungen lassen keinen Raum für Firlefanz.» schwärmte der Propagandist der Moderne Sigfried Gideon 1929 und machte die Sanatorien zu Vorbildern der Architektur des Neuen Bauens. «Funktion schafft hier Schönheit», war sein Paradigma. Mit der Chirurgischen Klinik in Clavadel perfektionierte der Davoser Architekt Rudolf Gaberel 1932 den Sanatoriumsbau.