Wandergeschichte
Einige der Teilnehmerinnen teilen nun mit der Leserschaft der DZ ihre Texte, die in zwanzig Minuten zu den Worten Wanderung, Teekrug, Gewitter, lachen, erschöpft und Schuhbändel entstanden waren. Hier ist der erste von zwei Beiträgen von Rita Sidler.
Ein Pfiff reisst mich vom harten Holzstuhl hoch. Wütender Dampf entweicht aus dem Teekessel. Um Himmels Willen, den Teekrug hätte ich fast vergessen, so vertieft sass ich über der Wanderkarte. Ich giesse Wasser in die beiden bereitgestellten Thermosflaschen. Während der Tee zieht, schnüre ich meine Wanderschuhe. Meine Freundin kommt verschlafen, mit wuseligen Haaren in die Küche. Sie packt ihr Picknick, scheinbar ziellos in der Küche hin- und herwandernd, während ich fixfertig bereitstehe. Endlich ziehen wir los. Schweigend. Ich fühle mich am Anfang einer Wanderwoche immer zäh wie Schuhleder und frage mich, wieso ich mir das antue, da hochzukraxeln, nur um ein Panorama von Bergspitzen zu sehen.
Abends kehren wir müde zurück in unsere Ferienwohnung. Der zweite Tag geht schon besser. Am dritten Tag bin ich so erschöpft, dass ich ans Aufgeben denke. Am vierten Tag fühlen wir uns wie junge Rehe. Wir lachen viel, während wir zügig den nächsten Berg erklimmen. Die ganze Schwere des letzten Tages scheint über Nacht von mir abgefallen. Wir erreichen schon mittags die SAC-Hütte. Wir sind so glücklich, dass wir beschliessen, noch in eine weitere Hütte zu wandern. Ich sehe schon die dunklen Wolken am Horizont.
Leises Donnergrollen begleitet uns auf dem Weg. Kurz vor der zweiten Hütte, da wo der Weg noch einmal steil ansteigt, so als müsste man sich die Rast in der Hütte noch extra verdienen, geschieht es. Wind zieht auf, starker Wind. Es wird mit einem Mal dunkel über uns. Regentropfen klatschen auf uns nieder. Ich stolpere, der Schuhbändel löst sich auf. Keine Zeit zum Binden. Ich spüre meine müden Beine nun doch. Es gibt kein Pardon. Jetzt müssen sie noch einmal alles geben. Blitze ziehen über uns hin, erhellen das Dunkel kurz, gerade so, dass ich sehe, wir sind bald da. Der Regen klatscht nun wie auf Himmelskommando nieder, als gäbe es nur eins, uns runterzuwaschen. Die Türe öffnet sich, ich stolpere über meine Schuhbändel dem Hüttenwart direkt in die Arme.
Workshop biografisches Schreiben