Die seltenen Wildbienenarten des Parc Ela
von Laura Kessler
Regina Lenz geht durch das lichte Wäldchen beim Golfplatz Alvaneu bis zum Ufer der Albula. Immer wieder bleibt die Biologin und Insektenspezialistin des Parc Ela stehen, bückt sich, beobachtet. Hier eine Schnecke, da einige Ameisen. Es ist Februar und der Schnee ist noch nicht ganz geschmolzen. Trotzdem hält der Frühling Einzug. «Dieses Jahr ist die Natur rund drei Wochen voraus», so Regina Lenz. Wir sind an jenem sonnigen Nachmittag auf der Suche nach frühen Frühlingsboten – sehen aber vieles, das weit über den Frühling hinausgeht.
Regina Lenz schüttelt einen Haselast. Die gelben Pollen werden vom Wind davongetragen. «Die Hasel ist eine der frühsten Pflanzen im Jahr, die blüht. Die Pollen sind sehr wertvoll für viele frühfliegende Insektenarten. Manche Wildbienen fliegen bereits ab Februar», erklärt sie. Das Nahrungsangebot ist dann entsprechend rar und die Hasel eine willkommene Futterquelle.
Viele Arten sind im Parc Ela heimisch
Die Wildbienen – ja Insekten im Allgemeinen – sind es dann auch, die die Biologin beschäftigen. Der Parc Ela gilt als Insektenparadies. Ein Drittel der in der Schweiz vorkommenden Arten leben hier. Wenn man bedenkt, dass der Park nur gerade ein Prozent der Fläche der Schweiz ausmacht, sind es viele Arten, die sich hier heimisch fühlen. Darunter zwei Wildbienenarten, die äussert selten vorkommen und auf deren Spuren wir an jenem Nachmittag wandeln.
Regina Lenz steuert am Ufer der Albula auf eine Pflanze zu, von der nur noch ein vertrockneter Stängel zu sehen ist. Ein Überbleibsel, etwas, das man im Garten abschneiden würde. «Leider, denn der Riesenhaarstrang ist die bevorzugte Nistpflanze der Stängel-Blattschneiderbiene», gibt die Biologin zu bedenken. Die Wildbienenart wiederum steht auf der Roten Liste der seltenen und bedrohten Wildbienenarten. In der Schweiz kann die Biene derzeit hauptsächlich im Parc Ela nachgewiesen werden.
Warum der Parc Ela eine derart grosse Insektenvielfalt habe, wollen wir wissen. Das liege in erster Linie an der Topografie, so Regina Lenz. Die vielen Täler und die unterschiedlichen Höhenlagen bieten auch spezialisierten Arten einen Lebensraum, dazu kommt, dass man im Parc Ela noch immer unberührte Natur findet, zudem Trockenwiesen und eine vergleichsweise grosse Anzahl an einheimischen Wildpflanzen.
Von Totholz und Walderdbeeren
Doch bekanntlich ist die unberührte Natur in der Schweiz rar. Das Artensterben schreitet voran. Der Mensch leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, wissentlich oder unwissentlich. Doch es lässt sich vieles für die Biodiversität tun – auch im Kleinen. Regina Lenz watet durch den Schnee und findet an einer schneefreien, lichten Stelle am Waldboden die Blätter von Walderdbeeren. «Wenn ich eine schnelle Gartenberatung mache, empfehle ich immer das Pflanzen von Walderdbeeren», sagt sie. Zum einen wachsen Früchte, die wir Menschen essen können. Zum anderen tragen die Blüten viele Pollen und sind damit gefragte Nahrung für viele Insekten. Ein vielfältiger Garten mit einheimischen Pflanzen kann manchen Insektenarten ein Leben lang ein Zuhause sein. «Es gibt Arten, die sich in einem Radius von 50 Metern bewegen. Sie sind auf eine vielfältige Natur auf kleinem Raum angewiesen», so Regina Lenz. Wenn die Bedingungen stimmen, kann sich ein Insekt also sein ganzes Leben an einem Ort aufhalten – zum Beispiel im Garten. Das bedeutet aber auch, dass dieser genau die Bedürfnisse der Insekten erfüllen muss, was wiederum bedeutet, dass zum Beispiel Totholz liegen gelassen oder Stängel von verblühten Pflanzen stehen gelassen werden. «Es sollte nicht alles blitzblank aufgeräumt sein», rät die Biologin.
Doch zurück an die Albula. Die Stängel-Blattschneiderbiene zeigt sich nicht. Würde sie sich sowieso nicht, denn sie gehört nicht zu den frühfliegenden Arten. Dass es sie aber gibt, verraten etwa ein Zentimeter grosse ovale Löcher in den Stängeln der Riesenhaarstrange. Hier nisten die Bienen. Ihre Eier legen sie in Blätter, die sie ausschneiden – zum Beispiel von der Walderdbeere oder von der Hagebutte (Wildrose). Daher auch der Name der Wildbienenart. Am Ufer der Albula finden sich keine Löcher, dafür aber bei einer Böschung unterhalb der Zuggleise. Kein idyllischer Ort, dennoch ein wertvoller für die Bienen.
Nester wie Mörtel
Die Stängel-Blattschneiderbiene ist nicht die einzige seltene Wildbienenart im Parc Ela. Eine weitere ist die Schwarze Mörtelbiene. Wir fahren nach Alvaschein. Auch bei dieser Biene ist der Name Programm. Ihre Nester sehen nämlich aus wie Mörtel, die an der Stallmauer neben der Kirche kaum vom Verputz zu unterscheiden sind. Nur die Ausflugslöcher bei manchen verraten, dass es sich um Nester handelt. Auch die Mörtelbiene fliegt jetzt noch nicht. Sie legt ihre Eier im Frühsommer auf die Pollen von Esparsetten in ihrem Nest. 11'000 Blüten werden pro Weibchen benötigt, damit dieses einen bis zehn Nachkommen versorgen kann. Deshalb bietet es sich an, Esparsetten zu pflanzen, die auch für andere Insektenarten wertvoll sind.
Die Bienen schlüpfen im Herbst, bleiben dann aber noch bis zum nächsten oder übernächsten Frühling im Nest, wie Regina Lenz erklärt. «Wir wissen noch nicht abschliessend, wie lange die Bienen im Nest bleiben», sagt sie. Die Biologin schaut mit geschultem Blick an die Stallwand. Überall entdeckt sie Nester, die Laiinnen und Laien wohl kaum erkennen würden.
Regina Lenz ist begeistert von der Schwarzen Mörtelbiene: «Eine wirklich herzige Biene», findet sie. Eine, die zudem eine beachtliche Grösse von bis zu 18 Millimetern erreicht. Die Männchen und die Weibchen unterscheiden sich optisch übrigens stark. Während die Weibchen grösstenteils schwarz sind und auf den ersten Blick eher einer Fliege gleichen, kann man die Männchen leicht mit einer Honigbiene verwechseln.
Unterscheiden kann man Wildbienen und Honigbienen übrigens daran, dass Wildbienen glatte und Honigbienen mit Härchen besetzte Augen haben. Schon ganz bald kann man sich im Bestimmen der Bienenarten versuchen, denn nach und nach fliegen sie aus, sammeln Pollen und Nektar und bestäuben unsere Pflanzen. Sie leisten damit einen unverzichtbaren Dienst an der Natur – unverzichtbar auch für uns Menschen.