Wie rutscht man in die Alkoholsucht? Sigi Alig aus Maladers erzählt
Dieser Artikel stammt aus der Serie «Die ‹Büwo› spricht darüber» aus der «Bündner Woche».
Noch ein Bierchen? Zum Essen ein Glas Wein? Der Konsum von Alkohol ist in der Schweizer Kultur fest verankert. Bei zu hohem Konsum kann aus dem Genussmittel jedoch schnell eine Droge werden, von deren Abhängigkeit es schwer loszukommen ist. Betroffene einer Alkoholsucht spüren oft zu spät, dass ihr Konsum problematisch ist, und behalten ihre Sucht meist im Verborgenen.
Für Aussenstehende macht es dies umso schwieriger, die Sucht zu erkennen. Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit sind in der Schweiz rund 250'000 bis 300'000 Menschen alkoholabhängig. Das sind rund vier Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Hinter diesen Statistiken und allgemeinen Aussagen stehen Geschichten von einzelnen Menschen.
Mit dieser Grafik zeigt Sucht Schweiz den Alkoholkonsum der Schweizer Bevölkerung. Das Schwierigste: Zu erkennen, dass der eigene Konsum problematisch ist. Sigi Alig gelang dies bereits in jungen Jahren:
Eine davon ist diejenige von Rentner Sigi Alig aus Maladers. Die Alkoholsucht begleitet ihn schon sein gesamtes Leben. Anders als anderen Betroffenen fällt es ihm leicht, darüber zu sprechen. Sein Umfeld wisse davon, auch ehemaligen Arbeitgebenden habe er immer offen von seiner Sucht erzählt. Dies falle ihm zunehmend einfacher und im Verlaufe der Jahre sei auch das Verständnis der Bevölkerung zu diesem Thema grösser geworden, sagt er: «Früher hiess es einfach ‹Hör doch einfach auf zu saufen›. Heute ist viel mehr Verständnis da.» Viel schwieriger zu erklären sei die zweite Krankheit, die ihn durchs Leben begleitet: seine Depressionen. «Das ist schwer zu erklären, dass plötzlich einfach nichts mehr in mir drin ist, nur noch schwarz. Und gleichzeitig sagen die Leute: ‹Du siehst ja gesund aus, dir fehlt doch nichts.›»
Bei Spass und Sorgen
Obwohl die Depressionen viel weniger greifbar sind, sind sie bei Sigi Alig die Hauptursache für die Alkoholsucht: «Ich trinke wegen des Psychischen», sagt er und erzählt seine bewegte Lebensgeschichte. Bereits seine Mutter sei Alkoholikerin gewesen. «Unter Alkoholeinfluss hat man die unterschiedlichsten Charaktere. Und so wusste ich als Kind nie, ob meine Mutter heute lustig, liebevoll oder aggressiv ist. Das verwirrt einen Menschen ein Leben lang.»
Hinzu kommt, dass er so bereits in Kindheitstagen gelernt hat: «Wenn es dir nicht gut geht, dann trinke halt.» Dennoch ist seine Mutter für ihn nicht schuld an seiner Alkoholsucht. «Schlussendlich habe ich mir das Trinkverhalten selbst angeeignet», sagt er. Auch in schönen Zeiten trank er in jungen Jahren (zu) gerne über den Durst. Zusammen mit seiner damaligen Ehefrau führte er ein Wirtshaus in Deutschland. Er liebte den Kontakt zu den Gästen, hatte viele Freunde und genoss die Geselligkeit. Dazu gehörte auch Alkoholkonsum. «Begriffen, dass mit mir etwas nicht stimmt, habe ich erst mit 30», erzählt er.
Damals sagte ihm seine Ehefrau: «Entweder der Alkohol oder ich.» Dafür sei er ihr bis heute dankbar. Das Aufhören fiel ihm erstaunlich leicht: «Ich habe serviert und den ganzen Tag den Geschmack des Alkohols in der Nase gehabt. Trotzdem habe ich nie getrunken. Ich hatte ein sicheres Auffangnetz, Familie und Freunde haben auf mich aufgepasst, dass ich nichts mehr trinke. So ging das fast zehn Jahre gut», blickt er auf seine Zeit mit Ehefrau und seinen Kindern in Deutschland zurück.
Ein Auf und Ab
Als seine Ehe in die Brüche ging, wollte er nicht mehr im selben Restaurant arbeiten. Ehe, Beruf und sicheres Umfeld waren auf einmal weg. «Dann bin ich richtig schön abgerutscht», sagt er nachdenklich. Über ein Jahr habe er in Deutschland eine Stelle gesucht, jedoch ohne Erfolg. «Da kommt man sich überflüssig vor.» Also begann er, wie er es als Kind gelernt hatte, wieder mit dem Trinken. Schliesslich entschied er sich für eine Rückkehr in seine Heimat Graubünden.
Tatsächlich fand er hier schnell eine Stelle und sein Alkoholkonsum hat abgenommen. Als seine Arbeitsstelle nach Zürich verlagert wurde, wechselte er den Arbeitgeber. Die neue Firma schlitterte kurz darauf in eine Krise und er verlor seinen Job. Nach häufigen Jobwechseln und Arbeitsstellen, die ihm nicht zusagten, wurde das Trinken wieder häufiger Bestandteil in seinem Alltag. Als er aufgrund seines Trinkverhaltens wieder gekündigt wurde, begab er sich in einen viermonatigen Entzug, worauf bald ein zweiter Entzug folgte.
Als er kurz darauf trotzdem bald wieder zur Flasche griff, entschied er sich für einen kalten Entzug, also überwacht und ohne Medikamente. Während dieser Zeit wurden bei ihm Depressionen und die unverarbeiteten Erinnerungen aus der Kindheit entdeckt. Für ihn die Erkenntnis, wieso er immer wieder in seine Alkoholsucht zurückfiel: «Wenn ich Unkraut mähe, dann wächst es sofort wieder. Ich muss die Wurzel beseitigen, damit es wirklich weg ist.» Und so machte er sich daran, diese Wurzel, die Depression, zu beseitigen. Dies beschäftigt ihn bis heute.
Ein starkes Umfeld
Neben psychologischen Therapien gehören dazu auch Treffen in der Gruppe beim Blauen Kreuz in Chur. Dafür hat er sich vor einigen Jahren selbstständig angemeldet. «Hier habe ich wieder ein stabiles Umfeld von Leuten, die mich verstehen.» Besonders hervorheben möchte er den Gruppenleiter: «Die ganze Gruppe ist sich einig, dass er uns sehr gut versteht und sehr menschlich mit uns umgeht.» Auch der Austausch mit den anderen Gruppenmitgliedern gefällt ihm sehr: «Wir erzählen uns gegenseitig, wie wir mit unserer Sucht oder teilweise auch mit deren Ursachen umgehen. So erhalte ich manchmal Ideen, die ich auch für mich anwenden kann.
Die Sucht ist hier etwas, das alle gemeinsam haben. Auch wenn jede einzelne Person ihre eigene Art von Alkoholabhängigkeit und eine andere Ursache dafür hat.» Dieses intensive Auseinandersetzen mit sich selbst sei aber sehr anstrengend: «Wenn ich aus der Gruppe rauskomme, bin ich jedes Mal platt.» Dass bei Sigi Alig die Depression die Ursache ist, ist ihm inzwischen klar. Das Schwierige daran: Die Depression ist mal ausgeprägter, mal weg und dann wieder da. «Wenn die Depression nicht da ist, braucht es den Alkohol gar nicht. Dann denke ich nicht mal an Alkohol», sagt er mit Blick auf gute Tage. Bei stark depressiven Symptomen sei es aber in Vergangenheit immer mal vorgekommen, dass er sich entschieden habe: «Heute trinke ich mal wieder eins.» Mit diesem Entscheid hätten bereits der Kick und die Vorfreude begonnen. Von da an habe ihn nichts mehr zurückhalten können. Dies sei ein kurzer, guter Moment gewesen. Doch: «Nach dem ersten Schluck war der Kick schon wieder vorbei.» Er trinke nämlich den Alkohol nicht aus Genuss, sondern aus dem Drang, die Probleme wegzuspülen.
Nach drei bis vier Tagen gelingt es ihm meist wieder, von der Sucht wegzukommen. Ein Grund, dass ihm dies immer wieder gelingt, seien sein stabiles Umfeld und das gute Verhältnis zu seinen beiden erwachsenen Kindern. Diese hätten sehr viel Verständnis für seine Sucht und seine Depressionen. «Schon zwei Mal wollten wir zusammen in die Ferien und sie gingen dann ohne mich, weil es mir einfach nicht gut ging.» Dass sie das so einfach akzeptieren können, bedeute ihm sehr viel.
Über «Die ‹Büwo› spricht darüber»
So, jetzt wurde genug totgeschwiegen – von jetzt an wird darüber geschrieben! Von den verschiedensten Tabuthemen wollen wir in dieser Serie berichten. Damit wollen wir Menschen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden.