Von Frankreich nach Davos: Wie Zwergpudel Caniche das Leben einer Pensionierten prägt
Ein Artikel aus der «Bündner Woche»
Wenn man an der Wohnungstüre von Barbara Gassler in Davos Dorf klingelt, hört man sogleich ein freudiges Bellen. Der vierbeinige Bewohner ist es auch, der einen zuerst begrüsst. Caniche heisst der aufgestellte Zwergpudel, der seit Anfang Jahr bei der frisch pensionierten Davoserin lebt. Der Wunsch, sich einen Hund zuzulegen, hatte sie aber schon viel länger. Doch ihr Beruf – sie arbeitete als Redaktorin bei der «Davoser Zeitung» – wäre mit der Haltung eines Hundes nicht wirklich vereinbar gewesen. Deshalb wurde in den letzten Jahren für sie klar: Den Hund gibt es erst, wenn auch die erste AHV ausbezahlt wird. «So richtig konkret wurde es etwa ein halbes Jahr vor meiner Pensionierung Ende Jahr», blickt sie zurück. «Klar war für mich, dass der Hund nicht allzu gross sein sollte, damit ich ihn im Körbchen auf meinem Velo mitnehmen kann. Und er sollte auch nach Hund aussehen …»
Ein grosser Schlingel
Die Wahl fiel somit auf einen Zwergpudel – nicht zuletzt auch, weil diese Rasse kaum haart. Gerne wollte sie auch einen Welpen haben, um ihn grosszuziehen und ein Leben lang zu begleiten. «So können wir gemeinsam alt werden.» Barbara Gassler machte sich auf die Suche nach einer geeigneten Zucht, merkte aber, dass sie bei Schweizer Betrieben längere Zeit hätte warten müssen. «Und so suchte ich in Frankreich weiter. Ich fand eine anerkannte Züchterin, bei der ich ein gutes Gefühl hatte», erzählt sie. Bezüglich Geschlecht und Farbe habe sie keine Präferenzen gehabt. Anfänglich habe sie übrigens Caniches kleineren Bruder anvisiert. «Die Züchterin meinte dann aber, dass der Grössere der beiden ein richtiger Schlingel sei. Ich fand, das passt doch zu mir, und so entschied ich mich für ihn.» Die Wahl sei ein Glücksgriff gewesen, wie sie zufrieden erzählt. Doch wie kam der Rüde zu seinem Namen? «Eigentlich heisst er ‹Archibald›, aber mir gefiel ‹Caniche› – das ist der französische Begriff für ‹Pudel› – besser.»
Nicht ganz ohne Überraschungen
Als Caniche drei Monate alt war, konnte sie das Tier in Frankreich in Empfang nehmen. «Da ich kein Auto besitze, war es gar nicht so einfach, einen Grenztierarzt zu finden, der Caniche die Einreiseerlaubnis erteilte.» Doch unmöglich war das nicht, und so weilt der nunmehr elfmonatige alte Rüde seit Anfang Jahr in Davos. Und gleich zu Beginn stellte er seine Halterin vor kleine Herausforderungen. «Auf einmal stellte sich mir die Frage: Wie komme ich zu meinen Lebensmitteln? Den Hund darf man schliesslich nicht mit in die Läden nehmen, und ihn draussen anzuleinen oder zu Hause zu lassen, wäre am Anfang nicht infrage gekommen.» Sie durfte aber auf die Unterstützung aus ihrem Umfeld zählen und fand schnell Leute, die ihr Sachen vorbeibrachten. Und mittlerweile kann Caniche auch mal gut einige Stunden alleine zu Hause verbringen. Apropos Umfeld: Sollte Barbara Gassler etwas zustossen, würde ihr älterer Sohn den Hund in seine Obhut nehmen.
Nicht auf dem Abstellgleis gelandet
Doch zurück zur Pensionierung: Während andere Rentnerinnen und Rentner erst einmal ihre neu gewonnenen Freiheiten geniessen, suchte sich Barbara Gassler gleich etwas Neues, das in ihrem Leben Platz einnimmt. «Ich bezeichne Caniche als mein Pensionierten-Projekt», meint sie schmunzelnd. «Der Hund gibt mir Struktur. Und nicht zuletzt ermöglicht er mir viele soziale Kontakte», zählt sie die Vorteile auf. «Auf den bekannten Spazierwegen trifft man viele Hunde-Leute, die sehr gesprächsbereit sind. Zudem bin ich nun auch in die kynologische Gesellschaft eingetreten, wo ich ebenfalls neue Leute kennenlernte.»
Ich bezeichne Caniche als mein Pensionierten-Projekt.»
Barbara Gassler, Halterin von Caniche
Und ganz «arbeitslos» ist Barbara Gassler ohnehin nicht. Bei zwei Davoser Vereinen ist sie in den Vorständen aktiv, zudem ist sie seit Kurzem auch als Stadtführerin tätig. Und so kam bei ihr auch nie das Gefühl auf, nach der Pensionierung auf dem Abstellgleis gelandet zu sein. «Besonders als Caniche neu bei mir war, hatte ich alle Hände voll zu tun – ich war viele Nächte mit ihm vor dem Haus draussen, um schnell Pipi zu machen. Da hat man gar keine Zeit, dem Job nachzutrauern.» Und auch jetzt fordert sie ihren Vierbeiner aktiv – was schlussendlich auch sie fordert. «Ich bringe ihm etwas bei, lerne aber dabei selber ja auch, mit welchen Methoden dies am besten gelingt.» Und so lernt Caniche Schritt für Schritt neue Tricks. Nach dem Pfötchengeben trainierte er die Rolle, bald kommt wieder eine neue Aufgabe auf ihn zu.
Noch nicht so richtig warm geworden sei er beim Thema Pilze – eine grosse Leidenschaft der pensionierten Redaktorin. «Ich versuche ihm – wenn auch mehr aus Spass – einige Pilzsorten beizubringen. Das Interesse von ihm ist bisher nur mässig», meint sie und grinst. Vielleicht aber ändert sich das ja mit dem Älterwerden? «Wie mir gesagt wurde, steht bei Caniche nun bald die Pubertät an. Bislang merkte ich noch nichts davon – mal schauen, was da auf mich zukommt.» Die beiden scheinen aber ein dermassen gut eingespieltes Team zu sein, dass auch diese kleine Lebensveränderung keine allzu grosse Herausforderung sein sollte.
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