Von Davos zur Promenadologie
Das Lucius Burckhardt in Davos geboren und aufgewachsen ist, war bisher im Lebenslauf des als Spaziergangwissenschaftler bekannt gewordenen Soziologen, Künstlers und Urbanismus-Pioniers bloss eine Randnotiz. Auch in Davos ging er vergessen. Die Schreibweise seines Namens verortet ihn jedoch offensichtlich in einer Basler Patrizier-Familie. Die Familie Burckhardt war 1919 nach Davos gekommen, als Vater Jean Louis die Chefarztstelle an der Basler Klinik antreten sollte, wusste Markus Ritter, ein ehemaliger Weggefährte und Leiter der Burckhardt-Stiftung in Basel, zu berichten. Doch Jean Louis hatte Grösseres vor: Bereits 1922 eröffnete er sein «Kindersanatorium Pro Juventute» an der Buolstrasse. Das neue Sanatorium in den bestehenden Häusern bot schon bald Platz zur Unterbringung von 250 kurbedürftigen Kindern.
In eine Fussgängerstadt geboren
1925 wurde Lucius als Nachzügler in die Familie geboren, acht Jahre nach der Jüngsten seiner drei Schwestern. Als er zur Welt kam, war Davos durch und durch eine Fussgängerstadt, wie Jürg Grassl anhand historischer Aufnahmen veranschaulichte. Der Verschönerungsverein hatte Spazierwege und mondäne Promenaden angelegt. Die Kurärzte verordneten nicht nur das Liegen, sondern auch Spaziergänge. Das Autofahren war in Graubünden noch verboten.
Bereits ein Jahr später bezog die Familie ihr neues Zuhause: Die von Rudolf Gaberel erbaute Villa Burckhardt, welche als Pionierbau der Moderne internationale Beachtung fand. Das von aussen radikal kubische Wohnhaus war innen noch vom bürgerlichen Wohnen des 19. Jahrhunderts geprägt – Täfer, Tapeten, Stuck und sogar Kreuzgewölbe. Dieser Spagat zwischen konservativ und progressiv sei typisch für die Familie Burckhardt, wusste Markus Ritter zu berichten.
Der Weltkrieg im Klassenzimmer
Der Vater steckte den jungen Lucius mit seiner naturwissenschaftlichen Begeisterung an. Die Mutter lehrte ihn zeichnen und aquarellieren. Als Schüler am Fridericianum erlebte Lucius Burckhardt den Zweiten Weltkrieg hautnah. «Wir müssen zusammenhalten», appellierte ein niederländischer Schüler an seine vornehmlich deutschen Mitschüler, nachdem die Nazis Holland überfallen hatten. Für die Matura musste Lucius nach Schiers wechseln, da der Abschluss am Fridericianum in der Schweiz nicht mehr anerkannt war. 1943 verstarb der Vater unerwartet früh, und die Familie kehrte nach Basel zurück, wo Lucius unterdessen sein Studium angetreten hatte.