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Graubünden

Sie kümmert sich um Vierbeiner mit Handicap

Susanne Karrer hat sich gelähmten und inkontinenten Hunden verschrieben – mit ihrem Verein «Grutzi» will sie vor allem aufklären.
Bündner Woche
19.09.2024, 04:30 Uhr
heute um 12:16 Uhr

von Cindy Ziegler

Benny sieht den Besuch schon von Weitem. Und geht ihm aus dem Weg. Der alte Hund ist noch immer ein bisschen vorsichtig mit allen Menschen. Ganz anders Mischa. Er kann es kaum abwarten, bis ihm seine Besitzerin Susanne Karrer die Windel angezogen hat. Kaum losgelassen, robbt er auf die Besucherinnen der «Bündner Woche» zu und lässt sich schmusen. Das Gesicht hat noch Welpenzüge, der Körper Welpenenergie. Bremsen lässt sich der junge Hund auch von seinem körperlichen Gebrechen nicht. Mischa konnte noch nie gehen und bewegt sich in sitzender Position vorwärts, seine Beine sind ständig angewinkelt. Warum das so ist, weiss Susanne Karrer nicht. Auch bei anderen ihrer acht Schützlinge ist nicht klar, was ihnen genau passiert ist. Ethan und Whisper sind ebenfalls gelähmt, Ida bewegt sich wegen ihrer Spina bifida wie ein Hase hoppelnd vorwärts, andere Hunde, so neben Benny auch Balu und Billy, sind vom Alter gezeichnet. Dafne hingegen ist noch jung und entsprechend verspielt. Ihr steifes Bein stört sie dabei nicht im Geringsten.

Nicht bitter, nicht mitleidig

Susanne Karrer bittet in ihr Wohnzimmer und gleichzeitig um Verzeihung. Immer wieder ist ein Bellen oder Jaulen zu hören. Und ab und zu spürt die Schreibende einen Stupser von unter dem Tisch. Das alte Bauernhaus steht recht allein amSt. Margethenberg, aus dem Fenster sind nur vom Nebel nasse Wiesen zu sehen. Im Innern ist es praktisch eingerichtet – und nach den Bedürfnissen der Hunde ausgerichtet. Susanne Karrer hat vor einigen Jahren einen Verein für behinderte Hunde gegründet. Heute hat sie sich noch weiter spezialisiert und kümmert sich neben alten Hunden vor allem um solche mit Lähmung und Inkontinenz. «Praktisch alle, die nicht gehen können, sind auch inkontinent», sagt sie, ohne bitter oder mitleidig zu wirken. Es ist einfach so, wie es ist. Und sie nimmt ihre Schützlinge so, wie sie sind. Eine Eigenschaft, die man im Gespräch mit Susanne Karrer immer wieder spürt.

Aus der eigenen Hilflosigkeit einen Verein gegründet

Auf den Hund gekommen ist die St. Gallerin durch eine spanische Strassenhündin – ohne Behinderung, aber aus dem Tierschutz. «Ich hatte damals keine Ahnung von nichts», sagt sie rückblickend. Nach dieser Hündin folgten weitere und 2014 sah Susanne Karrer ein Foto von Rosa. «Man sagte mir damals, dass sie mit ein bisschen Therapie bestimmt wieder laufen könne. Nun ja, das war dann doch nicht so.» Sie habe damals noch höher am Berg gewohnt wie heute, nicht mit dem Auto erreichbar, und erst für die Hündin einen Schlitten gebastelt. «Das hat aber nicht funktioniert. Am Schluss habe ich sie in einer Ikea-Tasche den Berg hochgetragen.» Den Hund zurückgeben war dennoch keine Option. Auch wenn es alles andere als einfach war. Hilfe suchte sie vergebens. «Ich war zeitweise echt verzweifelt. Ein Jahr später, nachdem ich mich intensiv in das Leben mit Rosa hinein gegeben hatte, gründete ich meinen ersten Verein. Ich wollte, dass es anderen nicht auch so geht wie mir damals.» Whisper, die weisse Hündin, die neben Susanne Karrer in ihrem Bett am Boden liegt, gähnt laut hörbar. Ihr Frauchen lacht darüber, während Dafne um Whisper herumspringt und sie zum Spielen animieren will.

Benannt nach einem Hund, den man einfach gern haben musste

Mittlerweile ist aus dem Verein für handicapierte Hunde der spezialisierte Verein «Grutzi» entstanden, benannt nach einer anderen Hündin, die Susanne Karrer begleitete. «Grutzi war eine gelähmte Terrierhündin aus Rumänien. Sie war so eine, die auf alle Menschen mit ihrer grossen Lebensfreude zugegangen ist. Ein Hund, den man einfach gern haben musste.» Und so sei Grutzi nicht nur ihre jahrelange vierbeinige Freundin gewesen, sondern eben auch Namensgeberin des Vereins. Susanne Karrer will damit vor allem Aufklärung betreiben und das Bild von Hunden in Rollstühlen normalisieren. So auch mit den «Paragames 4 Dogs», die der Verein bald veranstaltet (mehr siehe Textbox auf der vorherigen Seite). «Für meine Hunde ist es das Normalste der Welt, wenn sie mit ihren Rädern unterwegs sind. Wir Menschen sind diejenigen, für die das auf den ersten Blick vielleicht komisch ist», meint Susanne Karrer und schaut sich im Raum um. Sie schmunzelt über Mischa, der sich auf dem Sofa rekelt und amüsiert sich über das «furchtbare ‹Fägnescht›» Dafne.

Die unangenehmen Begegnungen, die Susanne Karrer macht, wenn sie mit ihren Rolli-Hunden, wie sie sie nennt, unterwegs ist, seien weniger geworden. «Einmal begegneten wir auf einem Spaziergang einer Frau mit Rollator. Sie blieb stehen und betrachtete Ethan in seinem Rollstuhl lange. Dann lachte sie und meinte, dass es dem Hund so gehe wie ihr. Dass auch er eine Hilfe beim Gehen brauchte. Das war so schön», erinnert sich die Tierbetreuerin und Hundephysiotherapeutin in Ausbildung. Denn am Schluss seien auch ihre Hunde einfach nur Hunde. Die Frage nach Normalität stellt sich für Susanne Karrer gar nicht. Das, was sie mit den Hunden im Alltag erlebt, ist für sie normal. In anderen Kategorien zu denken, liegt ihr nicht.

Susanne Karrer hört nicht auf zu träumen

Neben dem Verein «Grutzi» betreibt Susanne Karrer die Hundepension «Rosas Home». Denn Hunde wie Mischa oder Ethan werden in anderen Pensionen nicht aufgenommen, zu gross ist der Aufwand, vor allem wegen der Inkontinenz. Sie habe mit denselben Problemen zu kämpfen wie wohl viele Vereine, meint sie. An finanzielle Mittel zu kommen ist schwierig, freiwillige Helferinnen und Helfer zu finden, noch viel schwieriger. Susanne Karrer hört dennoch nicht auf zu träumen. Von einem Haus, wo die Hunde leben und gleichzeitig therapiert werden. «Das wäre schön», meint sie und streicht Dafne über den Kopf.

Dann steht sie auf und ruft nach Ethan. Der Junghund kommt auf sie zu und folgt ihr, seine Hinterbeine nachziehend, die Treppe hinunter in Richtung Ausgang. Susanne Karrer zieht einen Rollstuhl hervor und hängt Ethans Beine in die vorgesehene Halterung. Der Hund weiss genau, was kommt. Kaum in seinem Rolli, läuft er los und steckt seine Nase in die feuchte Wiese. Susanne Karrer beobachtet ihn und Senior Benny, der nun auf sie zugelaufen kommt und sich hinter den Ohren kraulen lässt. «Ich will mit meinem Verein zeigen, dass auch diese Hunde ein lebenswertes Leben leben. Dass sie mit viel Freude unterwegs sind und halt einfach ein bisschen mehr Unterstützung brauchen. Wenn ich Ethan so anschaue, dann denke ich mir nicht, ‹jöö, was für ein Armer›.»

Mehr dazu unter: www.grutzi.ch

«Paragames 4 Dogs»

Am Wochenende vom 28. und 29. September finden beim Schützenhaus in Grüsch die «Paragames 4 Dogs» statt, die Susanne Karrer mit ihrem Verein «Grutzi» organisiert. Die Spiele sollen vor allem dazu animieren, Hemmschwellen abzubauen. Zudem sollen durch den Event Menschen für das Leben mit ihren Senioren- oder Handicap-Hunden eine Hilfestellung erhalten. So finden am Samstag mehrere Vorträge statt – von einer Verhaltenstierärztin, einer Frau, die ihren Tetraplegiker-Hund begleitete, einer Philosophin und Ethikerin sowie einer Tierkinesiologin, die über den Sterbeprozess von Hunden spricht – die sich alle mit der Frage nach einem lebenswerten Leben befassen. Susanne Karrer freut sich auf diesen Tag besonders, weil auch sie sich neue Inputs erhofft. Für die Vorträge ist eine Anmeldung erforderlich. Am Sonntag sind dann alle Hundehalteden mit ihren Senioren- und Handicap-Hunden eingeladen, an einem der beiden Parcours mitzumachen. An verschiedenen Posten, die von Hundetrainerinnen und Hundephysiotherapeuten betreut werden, wird aufgezeigt, wie die Tiere aktiv und fit gehalten werden können. Dazu gibt es verschiedene Info- und Verkaufsstände.

www.paragames4dogs.ch



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