Vergöttert, verhaftet, verhöhnt und vergessen
Nachdem die Feier des 30-Jahr-Jubiläums der Pandemie zum Opfer gefallen ist, gehen die Weltfilmtage Thusis in ihrer 31. Ausgabe halbwegs zum «Courant normal» über. Zwischen 2. und 7. November zeigt das Festival im Kino Rätia 34 Filme aus vier Kontinenten – neben Europa stehen Afrika, Südamerika und Asien im Fokus. Dazu gibt es Gespräche mit Filmschaffenden, etwa mit der schweizerisch-albanischen Dokumentarfilmerin Dea Gjinovci, dem syrisch-kurdischen Kameramann, Regisseur und Produzenten Mano Khalil sowie dem argentinischen Filmemacher Alejandro Telémaco Tarraf.
Ebenfalls als Gast nach Thusis kommt Milo Rau. Der Schweizer Autor, Theater- und Filmemacher spricht am Donnerstag, 4. November, im Anschluss an die Vorführung über seinen jüngsten Film «Das neue Evangelium». Dieser hat im März den Schweizer Filmpreis in der Kategorie «Bester Dokumentarfilm» gewonnen.
Vom Märchen in die Realität
Eröffnet werden die Weltfilmtage im Kino Rätia am Dienstag um 13.30 Uhr mit dem tunesisch-französischen Film «Le collier perdu». Darin schildert Regisseur Nacer Khemir die Liebesirrungen und -wirrungen des Kalligrafie-Schülers Hassan. Der auf einer berühmten Erzählung des Gelehrten und Dichters Ibn Hazm beruhende märchenhafte Film entstand bereits 1990. Der «Tages-Anzeiger» kürte ihn 1991 zum «schönsten Film der Berlinale». In Thusis ist er nun in einer restaurierten Fassung zu sehen. «Le collier perdu», heisst es in der Ankündigung, zeige das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen, Religionen und Lebensformen.
Weniger friedlich, dafür ganz gegenwärtig geht es anschliessend in «Sin señas particulares» zu. Ein junger Mexikaner verschwindet spurlos. Der Teenager hatte sich voller Erwartung in Richtung Grenze aufgemacht, um in den USA sein Glück zu versuchen. Ins Zentrum ihres Filmdebüts rückt die mexikanische Regisseurin Fernanda Valadez die Suche der verzweifelten Mutter nach dem Sohn. Kein Einzelfall, wie sich bald herausstellt.
SRF spricht von «Kultstatus»
«Sin señas particulares» verweist wie ein Grossteil der gezeigten Filme auf den politischen Anspruch, den das Festival seit über 30 Jahren an sich selber stellt. Gegenüber Radio SRF 2 sagte Regina Conrad vom OK-Team vergangene Woche, man wolle die Leute gerne auf das aufmerksam machen, was in der Welt laufe, auch auf das, was nicht so gut laufe. SRF hatte eigens eine Filmredaktorin nach Thusis geschickt, um im Vorfeld über das Festival zu berichten, das «in der ganzen Schweiz mittlerweile Kultstatus» habe. Gründungsmitglied Thomas Keller erzählte im Interview von den Anfängen der Weltfilmtage, wo es noch schwierig gewesen sei, die entsprechenden Filme aufzuspüren. «Heute sind wir in der glücklichen Lage, dass auch viele Schweizer Verleiher Filme in ihrem Repertoire haben, die in unser Programm passen.»