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Graubünden

Familientreffen im Kulturplatz

Barbara Gassler
21.11.2023, 12:00 Uhr
11.05.2026, 12:16 Uhr

Ruedi Wachter, emeritierter Professor für historisch-vergleichende Sprachwissenschaft und begeisterter Wahlmonsteiner, – wie er sich selbst bezeichnet – hatte sich eigentlich vorgenommen, die Geschichte von Monstein aufzuarbeiten. «Das ist das Schöne an der Forschung. Man weiss nie, wohin sie einen führt», kommentiert er nun das Resultat. Angefangen hatte er mit der Transkription der Davoser Kirchenbücher ab 1559 bis 1650. Was er darin fand, fügte er in detektivischer Kleinstarbeit zu Familien- und Lebensgeschichten der Buol, Guler, Sprecher, Ardüser und all der anderen damals in Davos ansässigen Geschlechter zusammen. Deren Nachkommen sassen in grosser Zahl im Publikum und verfolgten gespannt, wer wann mit wem, und manchmal auch warum.

Ausführlich stellte Wachter die Geschichte von Drina Portmännin vor. Sie war die Einzige oder Letzte ihres Geschlechts, denn mit ihr verschwindet der Name aus dem Kirch- als auch dem Davoser Spendbuch. Dieses hatte sich für den Wissenschaftler als zusätzliche Quelle unschätzbaren Wertes erwiesen. «Beim Brand des Rat- sowie des Pfarrhauses von 1559 gingen alle schriftlichen Aufzeichnungen verloren. Um das Einkommen der Gemeinde wieder sicherzustellen, wurde in den Jahren danach in aufwendiger Arbeit jedes Gut und dessen Besitzer definiert und beschrieben», berichtete Wachter. Ausgehend von diesen Dokumenten und ergänzt durch die Chronik des Hans Ardüser (1557 bis 1617), Schulmeister und Wandermaler ab Ardüsch, gelang es ihm, ein überraschend detailliertes Lebensbild der eingangs erwähnten Drina Portmännin zu zeichnen. Denn sie hatte in zweiter Ehe Hans’ Bruder Christen geheiratet. In erster Ehe mit Abraham Buol hatte sie ein Gut in der Furra eingebracht und zwölf Kinder geboren, von denen sicher nur drei überlebten.

Damit war man schon mittendrin im Davoser Leben des späten 16. Jahrhunderts, durch das Wachter mit spitzbübischem Charme und offensichtlicher Begeisterung führte. Inzwischen vergessene Eigenarten hatten das allerdings erst möglich gemacht. So behielten Frauen nach der Heirat ihren Namen. Allerdings wurde dieser um die Silbe -in ergänzt, was zu der für heutige Ohren ungewohnten Variante Portmännin führt. Da man es damals mit der Orthografie nicht so genau nahm, sah sich Wachter mit nicht weniger als dreizehn verschiedenen Schreibweisen konfrontiert.

Vergessene Eigenheiten

Eine weitere Eigenheit, die die Rekonstruktion überhaupt erst ermöglichte, ist die hierzulande offenbar bis ins 19. Jahrhundert praktizierte Namenregel (siehe Box). Sie ermöglichte es Wachter, Lücken zu schliessen, Zusammenhänge zu erkennen und Verbindungen herzustellen. Auch wenn sie auf den ersten Blick eher unwahrscheinlich sind. So ist belegt, dass Drina Portmännin 1584 mit gut 40 Jahren Hans Ardüser gebar. Vater war der bereits erwähnte, ungefähr 20 Jahre jüngere Christen Ardüser. Dieser muss das Ereignis allerdings verpasst haben. «Er war zu dieser Zeit gerade zum Kriegsdienst in Südbünden», wusste Wachter zu berichten, denn er hatte dessen Spuren als Feldschreiber entdeckt. Der vermuteten Liebesheirat war jedoch kein glücklicher Ausgang beschieden. Drina Portmännin muss 1587 gestorben sein, und auch ihr Witwer verschied noch im gleichen Jahr. Und der kleine Hans? Ein Ardüser dieses Namens taucht 33 Jahre später in der Zürcher Geschichte auf. «Eine sehr wahrscheinliche Spur, aber das ist ein andere Geschichte.» Wachter, so scheint es, bleibt noch einiges zu tun.

Die Davoser Namenregel

Eigentlich sei es keine rein davoserische Regel, denn es sei mehr als wahrscheinlich, dass sie in ganz Europa und teilweise bis zum heutigen Tag angewandt wurde und wird, sagte Autor Ruedi Wachter im Kulturplatz, wo er das vom Institut für Kulturforschung Graubünden herausgegebene Büchlein vorstellte.
Die Regel war allerdings so selbstverständlich, dass sich nie jemand die Mühe machte, sie aufzuschreiben. Wachter wurde auf die Regel bei seiner Arbeit an einer Monsteiner Chronik aufmerksam. Als Erster zeigt er nun das streng logische, bis ins letzte Detail festgelegte und strikt eingehaltene Namensgebungssystem auf. Für Laien spannend macht das Büchlein jedoch, wie viele Informationen durch sie aus den wenigen vorliegenden schriftlichen Dokumenten gezogen werden können.


ISBN 978–3-033–10126-5. Erhältlich bei der Herausgeberin oder im Buchhandel.

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