Anschreiben gegen die Misogynie
«Empusion», setze sich zusammen aus Empusa – ein weibliches Schreckensgespenst in der griechischen Mythologie – und Symposium, womit in der Antike eine gesellige Zusammenkunft bezeichnet worden sei, notabene ohne Frauen, erklärte Tokarczuk auf eine der Fragen von Isabelle Vonlanthen, stellvertretende Leiterin des Literaturhaus Zürich. Ein solches Symposium stellt auch das Gästehaus in Görbersdorf dar, in dem der Hauptprotagonist Mieczysław Wojnicz, Ingenieurstudent aus Lemberg in den ersten Zeilen des Buches absteigt. Die Wahl des niederschlesischen Görbersdorf – heute polnisch Sokołowsko – ist nicht zufällig. Zum einen liege ihre Heimatstadt Sulechów ganz in der Nähe, zum anderen hätten sich die Davoser die in Görbersdorf praktizierte Heilmethode für ihren neu entstehenden Lungenkurort abgekupfert, berichtete Tokarczuk genüsslich.
Der «Zauberberg»
Doch es gibt noch mehr Beziehungspunkte, erfuhren die Zuhörenden im Verlauf des Abends. «Der ‹Zauberberg› von Thomas Mann war mir ein sehr wichtiges Buch», berichtete die Nobelpreisträgerin. Sie habe ihn sechs Mal gelesen und «Empusion» sei ein bewusster Dialog mit dem «Zauberberg» und eine Verbeugung vor diesem Werk. «Das erste Lesen war eine gewaltige intellektuelle Herausforderung, beim zweiten und dritten Mal habe ich den darin steckenden Humor entdeckt», erklärte Tokarczuk. Doch erst beim vierten und fünften Durchlesen seien ihr die patriarchalischen Züge des Werkes aufgefallen. Wie zum Beweis las an dieser Stelle ihr Übersetzer Lothar Quinkenstein, der «Empusion» auch aus dem Polnischen ins Deutsche übertragen hatte, eine weitere Passage. Darin wird über das weibliche Gehirn und dessen Unzulänglichkeiten debattiert. «Das sind alles Zitate», sagte Tokarczuk dazu und zeigte mit einem schelmischen Lächeln das ihrem Roman zugefügte Quellenverzeichnis: Alles Grössen abendländischen Denkens. An dieser Misogynie – also des Gedankens des geringeren Wertes der Frau – habe sie sich schon immer gestört. Denn sie habe schon früh gelernt, dass Frauen nicht intelligent denken könnten, und dagegen habe sie rebelliert, verriet Tokarczuk. «Ich empfinde es als meine Aufgabe, gegen dieses Frauenbild anzuschreiben, denn es ist eine Binsen-wahrheit, dass es das Denken beeinflusst.» Schreiben sei eine Waffe, antwortete sie auf eine weitere Frage Vonlanthens. «Darüber breiten sich Ideen aus, kommen in den Köpfen an.» Nicht umsonst würden sich Politiker davor fürchten, sagte Tokarczukz und kam auf den «Zauberberg» zurück. Sie habe sich nicht wiederfinden können in diesen Bildern der Literatur, in denen die Frauen lediglich als passive Geschöpfe auftauchten. Diese Stereotypen hätten Auswirkungen auf das Denken und insofern sei der 1. Weltkrieg eine positive Zäsur gewesen. «In der Folge erhielten die Frauen in den meisten europäischen Ländern das Stimmrecht.» Schulterzucken. «In der Schweiz, nu ja ...»
Noch mehr Schweizer Verbindungen
Dafür, dass es sich bei «Empusion» um einen feministischen Roman handelt, der auch als Gegenentwurf zum «Zauberberg» gehandelt wird, fiel auf, dass Frauen in den gelesenen Textpassagen überhaupt nicht vorkommen. Mal abgesehen von der eben verstorbenen Ehefrau des Gastwirtes und einer geheimnisvollen Figur im Wald. Mit der Schweizer Volkssage vertrauten Zuhörenden musste sofort die auffallende Ähnlichkeit mit dem schweizerischen Sennentuntschi auffallen und Tokarczuk bestätigte denn auch, sich an der Figur bedient zu haben. «Sie ist die personifizierte Rache der Frau am Mann.» So lautet der Untertitel von Tokarczuk Roman denn auch «Eine natur(un)heilkundliche Schauergeschichte» und der Abend machte Lust, sich dieser einmal selber zu widmen. Denn, so erklärte die Autorin, sich vom «Zauberberg» abwendend, bei ihrem Werk handle es sich um einen zeitgenössischen Roman in einer entsprechenden Sprache. «Das ganze Buch ist geprägt von viel Ironie und ich hatte viel Spass beim Schreiben.»