Wo die Stadt noch lebt
Es ist Zwischensaison, Davos ist wie leer gefegt. Die geschlossenen Rollläden der verwaisten Wohnungen zeugen davon, dass rund drei Viertel der Davoser-Wohnungen nur sporadisch belegt sind. Doch kaum kommt die Gruppe Forum Bau und Kultur ins Ried-Quartier, ändert sich dieser Eindruck schlagartig. Kinder, die zwischen den Häusern spielen, füllen das Quartier mit Leben. «Hier stehen wir zwischen Wohnblöcken mit Gemeindewohnungen und einem ganzen Quartier von Genossenschaftswohnungen», erklärt Jürg Grassl den Spaziergängern. Zweitwohnungen gibt es hier nicht. Darum ist die Bevölkerungsdichte hier deutlich höher, man fühlt sich wie in einer anderen Stadt.
Erst mit der Landwasserkorrektion 1884 wird das vormalige Sumpfgebiet «im Ried» überhaupt nutzbar. Wer es sich leisten kann, siedelt am Sonnenhang, dem Prekariat bleibt zum Wohnen die Talsohle. So ist das Riedquartier seit Anbeginn ein Arbeiterquartier.
Heute trumpft das Quartier mit rücksichtsvollen Umbauten und Erweiterungen auf, die zeigen, dass die ehemals einfachen Wohnhäuser an der Flurstrasse noch heute zeitgemäss bewohnt werden können. Bitter enttäuscht zeigt sich die Besuchergruppe allerdings darüber, dass mit der Casa Letizia bald ein qualitätsvoller, frühmoderner Bauzeuge aus dem Stadtbild verschwindet, weil sie dem Klotz des künftigen EWD-Sitzes weichen muss.
«Sind Sie Mieter oder Eigenheimbesitzer?», fragt Jürg Grassl zu Beginn des Spaziergangs sein Publikum. Zwei Drittel sind Mieter, ein Drittel Eigenheimbesitzer, was den Schweizer Durchschnitt widerspiegelt. Doch ein Gast will sich nicht in eine der beiden Kategorien einfügen. «Genossenschafter», ruft er dazwischen. Genossenschafter können nämlich zeitgleich sowohl Mieter, als Miteigentümer sein. Und: Man wohnt erst noch günstiger, rund 20 Prozent im Schnitt. Gemeinnützige Genossenschaften verpflichten sich nämlich zur Kostenmiete und verzichten darauf, mit der Vermietung eine Rendite abzuschöpfen.