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Graubünden

Tückisch und gefährlich: Churer Tierklinik meldet Rekordanzahl an Zeckeninfektionen

Blutsauger können nicht nur für Menschen gefährlich sein, sondern auch für Haustiere. In Graubünden gibt es heuer besonders viele Zecken. Tierarzt Daniel Damur erklärt Risiken und Schutzmassnahmen.
Maria-Catharina Lechmann
heute um 14:00 Uhr

Ein Artikel aus der «Bündner Woche»

Sie sind klein, schwarz und scheinbar harmlos – die Zecken. «Aber sie sind da. Und sie sind massiv da.» Tierarzt Daniel Damur muss nicht lange überlegen, als er nach der aktuellen Zeckensituation in Graubünden gefragt wird. In der Tierklinik Masans begegnet er den blutsaugenden Parasiten regelmässig. Dieses Jahr jedoch ist selbst für den erfahrenen Tierarzt aussergewöhnlich: Acht schwere Zeckeninfektionen bei Hunden – so viele wie nie zuvor. «Früher hatten wir vielleicht einen solchen Fall pro Jahr. Dieses Jahr sind es bereits acht. Das ist extrem.»

Immer mehr Tierchen: Klimawandel verändert die Lage

Der Grund für den Anstieg liegt für ihn auf der Hand: der Klimawandel. Milde Winter sorgen dafür, dass Zeckenpopulationen kaum noch dezimiert werden. «Es war nie kalt genug, dass es die Zeckenbestände wirklich abtötete», erklärt er. Die Folge: Eine deutlich erhöhte Zeckenpopulation verbreitet Krankheiten, die früher nur im Mittelmeerraum vorkamen. Heute tauchen diese auch in der Schweiz auf – zum Beispiel im Tessin und zunehmend auch in anderen Regionen, wie etwa hier in Graubünden. Krankheitserreger wie die Anaplasmose, früher vor allem aus Ungarn bekannt, sind mittlerweile auch hierzulande anzutreffen.

Besonders aktiv sind Zecken aktuell, also im Frühling und Sommer. Doch Daniel Damur warnt: «Die Saison ist nicht mehr so klar begrenzt wie früher. Durch die ganzjährig milderen Temperaturen gibt es eigentlich nie kein Risiko für Zeckenbisse.» Und nicht nur die grossen, sichtbaren Zecken seien ein Problem. «Häufig sind es die kleinen Nymphenstadien, die genauso gefährlich sind – und viel schwieriger zu entdecken.»

Mehr als nur Borreliose

«Die Zecke an sich ist nicht das Problem», erklärt der Tierarzt. «Das Problem sind die Krankheiten, die sie übertragen kann.» Viele Menschen denken dabei zuerst an Borreliose. Tatsächlich aber übertragen Zecken eine ganze Reihe von Erregern. Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die beim Menschen zu Hirnhautentzündung führen kann, spielt bei Hunden und Katzen eine geringere Rolle. Bei Tieren ist viel mehr die Anaplasmose gefürchtet: Dabei werden rote Blutkörperchen zerstört, was zu hohem Fieber und im schlimmsten Fall zum Tod führen kann. Gerade Hunde seien besonders häufig betroffen. Sie streifen durch Wiesen, springen durchs Gebüsch und schnüffeln im Unterholz – genau dort, wo Zecken auf ihren nächsten Wirt warten. «Wenn ein Hund viel draussen ist, wird er früher oder später mit Zecken in Kontakt kommen», sagt Daniel Damur.

Katzen seien zwar ebenfalls betroffen, insbesondere Freigänger, das Risiko bei Hunden sei aber meist grösser. «Bei Katzen entdeckt man die Zecken im Fell oftmals viel eher als bei Hunden.» Tückisch sei vor allem, dass zwischen Zeckenbiss und Erkrankung viel Zeit verstreichen könne. «Es kann eine Woche dauern, es können aber auch Monate oder sogar Jahre sein», erklärt er. Für Tierhalterinnen und Tierhalter sei es deshalb oft schwierig, einen Zusammenhang herzustellen. Noch komplizierter: Die Symptome sind häufig unspezifisch. Müdigkeit, Fieber, Appetitlosigkeit, veränderte Blutwerte oder ein allgemeiner Leistungsabfall können erste Hinweise sein. «Wenn ein Hund plötzlich nicht mehr der Alte ist, sollte man aufmerksam werden», sagt Daniel Damur.

Lieber früh als zu spät

Viel lieber als Krankheiten zu behandeln, setzt der Tierarzt auf Prävention. «Prophylaxe ist das A und O», sagt er. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Zeckenhalsbänder, Spot-on-Präparate (die im Nacken aufgetragen werden), Tabletten, Sprays – und seit einiger Zeit auch Jahresspritzen für Tiere, deren Besitzerinnen und Besitzer keine Tabletten verabreichen möchten.

Auch bei seinem eigenen Hund verlässt sich Daniel Damur nicht auf eine einzige Massnahme. «Mein Hund trägt ein Halsband und bekommt zusätzlich Tabletten», erzählt er. Die Kombination sei zwar aufwendiger, biete aber den besten Schutz. Wer den Hund zudem mit einem zitrusbasierten Spray an den Beinen einsprüht, kann Zecken zusätzlich fernhalten – ein Trick, der auch für Kinder empfohlen wird. «Einfach die Schuhe und Hosenbeine einsprühen, bevor man in den Wald geht.» So würden die Zecken gar nicht erst die Beine hinaufkrabbeln wollen.

Absuchen nicht vergessen

Noch wichtiger als jedes Präparat sei aber regelmässiges Kontrollieren. «Nach jedem Spaziergang den Hund absuchen – das ist das Wichtigste», sagt der Tierarzt. Besonders gründlich sollte man Kopf, Ohren, Hals, Achseln und die Zehenzwischenräume unter die Lupe nehmen. «Das kostet vielleicht zwei Minuten, kann aber sehr viel bringen.»

Wird eine Zecke entdeckt, sollte sie schnell und richtig entfernt werden. Am besten eignet sich eine Zeckenkarte oder eine Zeckenzange. «Einfach sauber und langsam herausziehen, nicht drehen», empfiehlt er. Von Hausmitteln wie Öl oder Klebstoff rät er klar ab. «Eine Zecke lässt sich mit natürlichen Mitteln nicht abtöten – sie ist einfach zu widerstandsfähig dafür.» Nach der Entfernung sollte die Stelle desinfiziert und in den folgenden Wochen beobachtet werden. Wichtig zu wissen: Zecken können auch über Kleidung oder das Tier selbst ins Haus gebracht werden. «Theoretisch kann eine Zecke an der Wäsche hängen und sich dann drinnen festsetzen», erklärt der Tierarzt. Wer also mit dem Hund im Wald war, sollte sich selbst ebenfalls kontrollieren.

Gift oder nicht?

Immer wieder begegnet Daniel Damur Tierhalterinnen und Tierhaltern, die bei Zeckenschutzmitteln skeptisch sind. «Ja, natürlich ist das Gift», sagt er offen. «Aber die Frage ist immer: Was ist die Alternative?» Wer sein Tier gar nicht schütze, gehe ein deutlich höheres Risiko ein. «Man muss Nutzen und Risiko gegeneinander abwägen.» Schwere Nebenwirkungen sieht er nur selten. «Ab und zu gibt es Hautreaktionen oder Magen-Darm-Probleme», erklärt er. Die meisten Tiere vertragen die Präparate jedoch gut. Den Fall, dass ein Tier durch ein Prophylaxemittel ernsthaft erkrankt wäre, habe er noch nicht erlebt – wohl aber Tiere, die ohne Schutz durch eine Zeckenerkrankung in Lebensgefahr gerieten.

Im Ernstfall: Aufwendige Behandlung

Wenn eine Zeckenerkrankung nicht rechtzeitig erkannt wird, kann die Behandlung sehr aufwendig werden – bis hin zu Bluttransfusionen. Je nach Erreger werden Antibiotika oder spezifische Medikamente gegen Blutparasiten eingesetzt. Bei manchen Krankheiten sind zwei intensive Spritzen notwendig. Viruserkrankungen hingegen sind nicht kausal behandelbar. Dies ist vergleichbar mit einer FSME-Erkrankung beim Menschen. «Dann kommt es auf das Immunsystem des Tieres an», weiss Daniel Damur.

Bewusstsein ist der beste Schutz

Einen Fehler beobachtet der Tierarzt immer wieder: Viele Menschen reagieren erst, wenn das Tier bereits krank ist. «Dann ist es eigentlich schon zu spät», sagt er. Der wirksamste Schutz beginne lange vor dem ersten Zeckenbiss – mit Bewusstsein, Routine und den richtigen Mitteln. Sein Rat an Hunde- und Katzenhalterinnen ist klar: «Angst vor den Zecken muss man nicht haben. Viel wichtiger ist das Bewusstsein. Zecken gehören in unserer Region einfach dazu.» Wer sein Tier regelmässig kontrolliert, geeignete Schutzmassnahmen einsetzt und Veränderungen ernst nimmt, kann das Risiko deutlich reduzieren. Denn auch wenn eine Zecke nur wenige Millimeter gross ist, können ihre Folgen um ein Vielfaches grösser sein. 

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