«Ich konnte schon als kleines Kind sehr gut singen», sagt die gebürtige Churerin Seraina Hartmann mit einem breiten Lächeln. Für sie sei immer schon klar gewesen, dass sie einmal Sängerin werden würde. Mit sieben Jahren sei sie in die Singschule Chur eingetreten und habe dort früh gelernt, klassisch zu singen. Von da an hat ihre Gesangskarriere ihren Lauf genommen. Die Sängerin hat dunkelbraunes, kurzes Haar, eine rote Brille auf der Nase und trägt eine Kette mit einem goldenen Herzanhänger um den Hals. Doch nichts davon ist so auffällig wie ihre Ausstrahlung. Ihre Augen leuchten, als sie vom Singen zu sprechen beginnt.
Man fühle sich gleich besser, wenn man singt
Singen löse etwas aus, findet die Churerin. Auf die Frage hin, was beim Jodeln mit einem passiert, denkt sie kurz nach. «Die Stimmung und die Wahrnehmung verändern sich grundlegend», antwortet sie. Dann legt sie sich eine Hand auf die Brust. «Hier drin nimmt man es ganz besonders wahr», sagt sie. Beim Jodeln werde sehr viel Dopamin ausgeschüttet. Man fühle sich gleich besser, wenn man singt. Das spüre man auch dann, wenn man Angst hat. Etwas, was man sonst eher aus Filmen kennt, hat Seraina Hartmann schon öfters am eigenen Körper erlebt. «Wenn ich im Dunkeln unterwegs bin oder ich mich unwohl fühle, fange ich an zu summen oder zu singen. Das hilft mir, mich zu beruhigen.»
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Wenn ich im Dunkeln unterwegs bin oder ich mich unwohl fühle, fange ich an zu summen oder zu singen.»
Seraina Hartmann, Bündner Jodlerin aus Leidenschaft
Die Sängerin erklärt das so: Beim Singen werde der Vagusnerv stimuliert, was den Körper und die Gedanken runterfahren würde. «Meine Gesangsschüler und -schülerinnen gehen eigentlich immer glücklicher nach Hause, als sie gekommen sind.» Das sei einer der Gründe, warum sie ihren Beruf so gerne ausübe. Jodeln verstärkt also die Emotionen. Doch was passiert, wenn man mal einen schlechten Tag hat? «Es kann schon sein, dass man traurig ist und eine Träne verdrückt. Aber es geht einem im Nachhinein immer besser. Es wirkt wahre Wunder!» Wieder grinst sie bis über beide Ohren.
Herzöffnend
Traurig wirkt Seraina Hartmann jedenfalls ganz und gar nicht, eher aufgestellt und fröhlich. Oder wie sie sich selbst in drei Worten beschreiben würde: «Begeisterungsfähig, neugierig und ausdauernd.» Und genau von dieser Ausdauer profitiert die gebürtige Churerin immer wieder aufs Neue. In diesem Jahr hat sie zum Beispiel «Chur jodelt» ins Leben gerufen. Einmal im Monat trifft man sich während des Sommers im Innenhof des Sennhofs und jodelt gemeinsam im Freien, ganz ohne Vorkenntnisse.
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Begeisterungsfähig, neugierig und ausdauernd.»
So beschreibt sich Seraina Hartmann in drei Worten.
Bei den vergangenen fünf Treffen seien bis zu 150 Menschen dabei gewesen. Und die Rückmeldungen seien durchwegs positiv gewesen, erzählt Seraina Hartmann mit hörbarem Stolz. Alle hätten Spass gehabt und fühlten sich glücklich dabei, sie selbst auch. Ihr gefalle, dass Jodeln mit ihrem Angebot nicht mehr nur in Jodlerclubs stattfinde, sondern öffentlich, sichtbar und erlebbar werde. Die Churerin finde es wichtig, Jodeln so vielen Menschen wie möglich näherzubringen. Schliesslich könne beim «Chur jodelt» jeder und jede mitmachen. Egal ob Profi oder totaler Anfänger. Denn in ihren Augen sei das Singen herzöffnend.
Wenn, dann Countrymusik
Doch was für Musik hört die Sängerin eigentlich privat? Klassische Musik? Oder Naturjodel? «Weder noch», verrät die Churerin und lacht, wobei sie sich in ihrem Sessel nach hinten lehnt. «Grundsätzlich höre ich nicht wirklich viel Musik, wenn ich zu Hause bin. Und wenn, dann hauptsächlich Country.» Vermutlich liege es daran, dass sie beruflich fast ausschliesslich mit Musik zu tun habe. Das sei wie bei einem Konditor. Wenn der den ganzen Tag süsses Gebäck backt, gelüstet es ihm am Abend sehr wahrscheinlich eher nach etwas Salzigem. Aber genug von Gebäck. Hier geht es schliesslich ums Singen.
Einmal Jodel, immer Jodel?
Auch wenn der Jodel einen wichtigen Platz in ihrem Leben hat – ans erste Mal Jodeln könne sich Seraina Hartmann nicht mehr erinnern. Ans erste Mal Zuhören aber schon. Mit ungefähr 20 Jahren hat sie in Chur am Jodelfest zum ersten Mal ein Zäuerli zu Ohren bekommen. Ein Zäuerli ist ein mehrstimmiger Naturjodel ohne Text und kommt ursprünglich aus dem Appenzell. Der Gesang habe sie enorm beeindruckt und berührt. Augenblicklich sei es um sie geschehen, verrät Seraina Hartmann und grinst bei der Erinnerung daran. Auch wenn sie damals erst am Anfang ihres Gesangstudiums an der Musikhochschule in Luzern war, wusste sie, dass sie später einmal jodeln würde.
Registerwechsel
Das Interview ist zu Ende, doch Seraina Hartmann fängt gerade erst an. Sie erhebt sich aus dem rosaroten Sessel und wechselt ans Klavier, das auf der anderen Seite des Gesangraumes steht. Mit einem frechen Grinsen schlägt sie in die Tasten und nach einiger Zeit ertönt ein kraftvoller Klang aus der Kehle der Sängerin. «Jo-lo-lu-lu!» Beim Kehlkopfschlag, also beim Registerwechsel, kippt die Stimme hörbar um.
«
Jo-lo-lu-lu!»
Diese Silben singt Seraina Hartmann am liebsten.
Ein Knacken ertönt und plötzlich wechselt die tiefe Bruststimme zur hohen Kopfstimme. Etwas, was beim «gewöhnlichen» Singen nicht so gerne gehört werde. «Ich habe im Musikstudium gelernt, diesen Wechsel zu vermeiden und jetzt mache ich es absichtlich und sogar beruflich», sagt Seraina Hartmann zwischen zwei Tönen und schüttelt dabei belustigt den Kopf. Und während die Schreibende so zuhört, wird ihr klar, was Seraina Hartmann damit gemeint hat, als sie sagte, jodeln sei herzöffnend.