Frischs Promenade
Der Hohen Promenade fehlen ein eigentlicher Anfang und ein Abschluss, stellte die Gruppe gleich zu Beginn beim Treffpunkt am Bahnhof Dorf fest. Der eigentliche Start liegt sowohl im Platz als im Dorf deutlich höher. Gemeinsam stieg man auf ins Oberdorf. «Mit verschmitztem Lächeln lud Jürg Grassl dazu ein, statt dem üblichen Aufstieg hinter dem Hotel Seehof dem ‹roten Teppich› zu folgen, wo im Winter die Skipiste zwischen den dichtgewachsenen Häusern herunterschwingt. Beim Friedhof öffnet sich der Blick auf den alten Ortskern und die Türme vom Seehof und St. Theodul. Mit historischen Fotos veranschaulichte Paul Klöckler, dass aber sonst vor 150 Jahren noch nicht viel zu sehen war. Den Erbauern der Stadt, die wir heute sehen, hat Wilhelm Schwerzmann auf dem Gemeinschaftsgrab des kleinen Friedhofs ein Denkmal gesetzt. Auf der Salzgäba oben waren das Pfarrhaus und die Villa Erika die ersten Häuser. Die schablonenhaften Holzbauten von 1884/85 zeigen das Wirken Gaudenz Isslers und seiner Chaletfabrik. Ihr ‹Schweizerhüsli›-Stil ist ein Vorläufer vom heutigen Alpenkitsch. Sein Sammelsurium an Zierelementen hat zu einem architektonischen Einheitsbrei geführt, der die ursprüngliche regionale Vielfalt inneralpiner Architektur und ihren Eigenarten übertönt. Heute noch sehen Ferien- und Apartmenthäuser in Davos genauso aus wie in Meribel, St. Anton oder Bormio. Johanna Veit-Gröbner streute dazu passende Denkanstösse von Max Frisch ein: Heimat – ein Fragebogen.
Ausblicke und Erkenntnisse
Nun befand man sich am Startpunkt der Hohen Promenade, die ohne auf und ab an den Platz führt. Dass der alte Rütiweg anfangs der Dreissigerjahre zum noblen Spazierweg für die Kurgäste ausgebaut wurde, erstaunt nicht, denn diese sollten nach ärztlicher Verordnung täglich und bei jedem Wetter eine bestimmte Anzahl Schritte tun.
Mit Blick runter auf die Stadt mit ihren über 40 000 Betten, aber kaum Platz für die 10 000 Einheimischen, hörten wir, wie Max Frisch mit Luzius Burckhardt und Markus Kutter in der Streitschrift «achtung: die Schweiz» über mangelnde Weitsicht beim Städtebau wettert: «Es ist also sehr begreiflich, warum die Leute, die für die heutige Misere verantwortlich gemacht werden könnten, ein echtes Bedürfnis haben, dass unsere städtebauliche Entwicklung als Schicksal empfunden wird. Denn nur so, nämlich nur, wenn es ‹Schicksal› bedeutet [...], ertragen wir, was sie unseren Kindern und Kindeskindern bescheren. Ist die Spekulation ein Schicksal? Ein Schicksal können wir nicht zur Verantwortung ziehen und nicht ändern. [...]Die Mehrheit des Volkes hat keinen persönlichen Gewinn am heutigen Verfahren und doch hat auch der sogenannt einfache Mann [...] , ein tiefes Bedürfnis, all dies als ‹Schicksal› zu sehen. Denn damit dispensiert man sich von jeder Stellungnahme, von jeder Entscheidung.»
Einblicke und Erheiterndes
Als nächstes zog es die Gruppe ins Youthpalace – 1913 von Karl Bode als Sanatorium «Beau Site» erbaut und als Sanatorium Albula stetig erweitert, erhielt der Bau vom Davoser Architekt Karl Angehr 1957 seine heutige Gestalt mit Liegebalkonen aus Holz und Flachdach. Beim Umbau zur Jugi sorgten Bosch und Heim aus Chur 2002 im Inneren mit frischer Farbe und eleganten Möbeln für neue Noblesse. Im Panoramasaal der Bel Etage steht der Kaffeeautomat allzeit bereit für einkehrende Spaziergänger. Entlang der schmucken Blumenfenster im Treppenhaus ging es in die oberen Stockwerke und auf die Dachterrasse. Ein Viererzimmer führte auf den grossen Liegebalkon, wo es zur Begegnung mit Max Frischs kurender Julika aus dem Roman Stiller kam.
Auf dem Weitermarsch wurden nach und nach Geschichten rund um die Hohe Promenade greifbar: der ursprüngliche Rütiweg, ein kühnes Brücklein über die Bobbahn, die Schneise der Schiahorn-Lawine, die Haltestelle der Schatzalpbahn. Die Lupinen, die sich heute als invasive Neophyten in der Bergwiese breitmachen, zeugen noch von der Blütenpracht, welche die noble Kurpromenade früher schmückte. Manchmal wäre weniger mehr, meinten die Promenierenden und fragten: Wieso asphaltiert man einen Spazierweg überhaupt? Für einen einzigartigen Tiefblick ins geschäftige Herz von Davos lohnt es sich, auch mal früher von der Hohen Promenade abzusteigen, versprach Jürg Grassl und führte die Gruppe über den Rosenhügel hinunter zum Kulturplatz und um ein bleibendes Davos-Erlebnis reicher nach Hause.
Forum «Bau und Kultur»
«So, Arm in Arm, wie Julika und Stiller eigentlich selten gingen, dabei schweigsam auf eine Art, als wäre alles Wesentliche bereits gesagt, als ginge es nur noch darum, entzückt zu sein von diesem wolkenlosen Augusttag und von der berühmten Luft, gingen sie auf jener klassischen Promenade mit Tannzapfen und fast zudringlichen Eichhörnchen, die mein Verteidiger und Julika mir neulich gezeigt haben, wirklich eine sehr hübsche Promenade, bald Wald, bald Wiese.»
Max Frisch – Stiller 1954