So verändern sich Bündner Gemeindeversammlungen
Vergangene Woche hat die Gemeinde Maienfeld in einer Versammlung über den bislang grössten Gesamtkredit von 17 Millionen abgestimmt. Die Investition wurde mit 119:1 Stimmen angenommen. Von über 2500 Einwohnern besuchten gerade einmal 120 Stimmberechtigte die Versammlung.
In anderen Teilen von Graubünden sieht es ähnlich aus. Das Protokoll der letzten Gemeindeversammlung im Dezember der Gemeinde Domleschg vermeldet eine Stimmbeteiligung von 8.4 Prozent. In der Gemeinde Samedan waren im Dezember 54 von 1905 Stimmberechtigten an der Versammlung.
Gesellschaftswandel und selektives Interesse
Eine mögliche Erklärung für die oft leeren Versammlungsstühle hat Thomas Kollegger vom Amt für Gemeinden bereit. «Die Tendenz der letzten Jahre zeigt schon einen Rücklauf der Stimmbeteiligungen an den Versammlungen. Das ist ein schweizweiter Trend und eine gesellschaftliche Entwicklung» meint Kollegger. «Früher war man weniger mobil und mehr verwurzelt. Vor vielleicht 20 Jahren war eine Gemeindeversammlung noch ein gemeinschaftlicher Treffpunkt, man sass nach der Versammlung zusammen. Heute gibt es das kaum noch.»
Aber auch die Interessen der Bürger haben sich verändert. «Das politische Interesse ist selektiver geworden. Wenn es ein Thema ist, das eine Person direkt betrifft, sei es ein Neubau der Schule beispielsweise, geht sie eher an eine Versammlung.»
Dies bestätigt auch Heinz Dürler, Stadtpräsident von Maienfeld. «Bei Wahlversammlungen ist die Stimmbeteiligung wesentlich höher als bei gewöhnlichen Gemeindeversammlung. Da nehmen in Maienfeld manchmal rund 400 Stimmberechtigte teil.»
Auch Enthaltung ist ein politischer Entscheid
Streng genommen sage die Stimmbeteiligung aber nicht viel über den qualitativen Entscheid einer Versammlung aus. «Auch mit einer Nichtbeteiligung gibt man Auskunft. Man kommuniziert, dass es einen nicht interessiert und seine Stimme nicht gebraucht wird. Dann muss man eine demokratische Entscheidung aber auch akzeptieren. So funktioniert unsere Demokratie, auch wenn der Prozentsatz der Stimmbeteiligung sehr klein ist.» Bei Einzelfällen, welche die Gemüter stark erhitzen, sehe die Stimmbeteiligung wieder sehr gut aus. Die Bandbreite ist laut Kollegger riesig.