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Graubünden

Rückkehr der Nummer eins: Die älteste RhB-Dampflok kehrt nach zwölf Jahren zurück

Die Rhätische Bahn holt einen besonderen Schatz zurück. Nun rollt die allererste Lokomotive der RhB wieder an – und feiert ihr Comeback mit einer eigens komponierten Operette.
Andri Dürst

Ein Artikel aus der «Bündner Woche»

Fredy Pfisters Augen leuchten richtiggehend. «Du bist gerade bei einem historischen Moment dabei», meint er zum Schreibenden. Und tatsächlich: Was sich gerade in der Lokremise in der RhB-Hauptwerkstätte Landquart abspielt, ist ein nicht unwichtiger Meilenstein in der Bündner Bahngeschichte. Mit viel Sorgfalt malt Fredy Pfisters Begleiter Marcel Gwerder eine rote Zierlinie auf den glänzenden schwarzen Lack einer Dampflokomotive.

Es handelt sich aber nicht um irgendeine Dampflokomotive, sondern um die allererste der RhB. Die «RHÆTIA», wie sie offiziell heisst, ist nun nach längerem Stillstand frisch revidiert und soll Mitte September erstmals wieder Gäste befördern. Möglich machte dies unter anderem der Club 1889, dem Marcel Gwerder und Fredy Pfister angehören – Letzterer steht ihm als Präsident vor.

Die Wiederinbetriebnahme dieser besonderen Lok wird am 19. und 20. September mit einem grossen Fest in Schiers gefeiert, bei dem auch eine eigens dafür erschaffene Operette aufgeführt wird. Doch der Reihe nach. 

Vom täglichen Einsatz zur Museumslok

Am 29. September 1889 war es so weit: Die allererste Strecke der RhB nahm ihren Betrieb auf. Der Eröffnungszug fuhr von Landquart nach Klosters, wo in jenem Jahr noch Endstation war. Ein Jahr später konnte dann auch die Strecke nach Davos eröffnet werden. Deshalb hiess die Bahn anfänglich auch noch «LD», was für «Landquart–Davos–Bahn» steht.

Initiiert wurde das Unternehmen vor allem vom Niederländer Willem Jan Holsboer, der bereits in Davos viel zur Entwicklung als Kurort beigetragen hatte. Gezogen wurde der Eröffnungszug natürlich von der Lokomotive Nummer eins – der «RHÆTIA». «Von dieser allerersten Lokserie gab es fünf Stück», weiss Fredy Pfister. Hergestellt wurden sie von der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur. Diese durfte in den folgenden Jahren nochmals mehrere Loks nach Graubünden liefern, denn mittlerweile vergrösserte sich auch das Streckennetz bis nach Thusis. Und auch der Name war anders – aus LD wurde RhB.

«

Von dieser allerersten Lokserie gab es fünf Stück»

Fredy Pfister

Die grösste Veränderung für die Dampflokomotiven kam aber mit der Elektrifizierung des Streckennetzes zwischen 1913 und 1922. Um Geld für die Anschaffung neuer Elektroloks zu gewinnen, verkaufte die RhB viele der nicht mehr verwendeten Dampfloks. Die «RHÆTIA» aber blieb in Graubünden. «Wir fanden kürzlich heraus, dass bei ihr ums Jahr 1900 die Vakuumbremse ausgebaut wurde, um sie als Werklok einzusetzen.

Das machte sie für einen Weiterverkauf unattraktiv, weshalb sie vorerst hier in Landquart blieb», weiss der Club-1889-Präsident. 1928 sei die Lokomotive dann unter Denkmalschutz gestellt worden. Eigentlich hätte sie Jahrzehnte später ins Verkehrshaus nach Luzern kommen sollen, doch dort war kein Platz für das gute Stück.

Die «RHÆTIA» wanderte dennoch ins Unterland, wo sie mehrmals ihren Remisierungsstandort wechselte. Neues Leben wurde ihr dann ab 1970 eingehaucht, als sie von der Museumsbahn «Blonay–Chamby» (BC) aufgearbeitet wurde. Von 1980 bis 1988 wurde sie bei Zügen der BC sowie auf angrenzenden Linien eingesetzt.  

Kohle musste her

Dann war aber Schluss mit dem Gastspiel in «fremden Gefilden», und die RhB löste den Leihvertrag mit der BC auf und holte die «RHÆTIA» zu ihrem 100-Jahr-Jubiläum wieder zurück. Daraufhin war sie wieder öfters in Graubünden anzutreffen. 2014 endete der Einsatz der Nummer 1 jäh: Aufgrund altersbedingter Schäden in der Feuerbüchse, an den Wasserrohren und am Fahrwerk konnte sie nicht mehr eingesetzt werden.

Daraufhin formierte sich eine Projektgruppe, die sich für den Erhalt der «RHÆTIA» einsetzte. Beteiligt waren unter anderen die RhB selbst, der Verein Dampffreunde sowie der Club 1889. Unter dem Motto «Unsere Nr. 1 braucht Kohle» wurde Geld gesammelt, um die vielen notwendigen Reparaturen finanzieren zu können.

Besonders die sogenannte Feuerbüchse stellte die Verantwortlichen vor manche Herausforderungen. «Im Gegensatz zu den meisten Dampfloks besitzt die ‹RHÆTIA› eine Feuerbüchse aus Kupfer und nicht aus Stahl. Da eine Aufarbeitung ganz spezielle Fähigkeiten verlangt, musste diese Arbeit international ausgeschrieben werden», erklärt Fredy Pfister. Schlussendlich wurde die Feuerbüchse bei der North Norfolk Railway (NNR) in Weybourne (England) in viel Handarbeit erneuert. Ebenfalls zeichnete diese Bahngesellschaft verantwortlich für die Reparatur des Dampfkessels.  

Auch in Landquart wurden viele Teile durch die Hauptwerkstätte der RhB erneuert. So stellte man bei Ultraschalluntersuchungen etwa fest, dass einige Räder Risse hatten. Diese wurden neu angefertigt, damit sie den heutigen Normen entsprechen. Besonders augenfällig ist auch die neue Lackierung. Die «RHÆTIA» kommt nun in schlichtem, aber elegantem Schwarz daher.

Zuvor waren verschiedene Teile grün lackiert gewesen. Ziel ist nämlich, die Lok wieder annähernd so aussehen zu lassen, wie sie 1889 abgeliefert wurde. «Wir haben lange recherchiert und auch einige historische Bilder durch einen Illustrator kolorieren lassen. So stellten wir etwa fest, dass das Band um den Rahmen des Lokkastens ursprünglich metallern gewesen war. Irgendwann wurde es aber übermalt. Nun stellten wir wieder den ursprünglichen Zustand her», erzählt der Bahnfreund.  

Durchkreuzt die Trockenheit die Pläne? 

Bei der Recherche habe man auch entdeckt, dass die Lokomotive mit einer roten Zierlinie versehen war. Während des Gesprächs mit der «Büwo» konnte Marcel Gwerder ebendiese Linie wieder anbringen. «Marcel, schaut das nicht toll aus?», fragt Fredy Pfister rhetorisch und klatscht in die Hände. Auch wenn das Aussehen nun beinahe perfekt ist – auf grosse Fahrt kann die «RHÆTIA» noch nicht gleich gehen.

«Zuerst muss die RhB wieder Erfahrungen mit der Lokomotive sammeln. Meines Wissens sind derzeit keine Lokführer mehr aktiv, die noch mit ihr gefahren sind.» Da die RhB aber noch über drei andere Dampflokomotiven verfügt und deshalb auch eine sogenannte Dampfgruppe mit speziell geschulten Lokführern hat, sollte die Umschulung auf die «RHÆTIA» keine allzu grossen Schwierigkeiten bereiten.

Mehr Bauchweh macht dem Club-1889-Präsidenten hingegen die noch immer anhaltende Trockenheit. «Wenn weiterhin ein Feuerverbot gilt, dürfen wir die kohlengefeuerte Lok Nr. 1 nicht einheizen, da Funkensprünge Brände entfachen können.» Für das Einweihungsfest müsste die «RHÆTIA» somit von einer Elektrolok von Landquart nach Schiers gezogen werden. Shuttlefahrten vor Ort mit historischem Rollmaterial könnten dafür von der Dampflok Nr. 11 geführt werden, die über eine Ölfeuerung verfügt und somit nicht in Konflikt mit dem Feuerverbot gerät. 

Operette als Anfang einer neuen Erfolgsgeschichte

Ob nun aber mit Volldampf oder ohne – Vollgas geben die Verantwortlichen des Einweihungsfestes allemal. Im Zentrum des Anlasses steht eine Operette, die eigens für die Wiederinbetriebnahme der «RHÆTIA» erschaffen wurde. Als Kulisse dient, wie könnte es anders sein, die Lok selbst sowie zwei Reisezugwagen derselben Epoche – vom Club 1889 eigenhändig restauriert.

Gespielt wird auf dem Holzverladegleis beim Bahnhof Schiers – dem ersten grösseren Zwischenstopp der einstigen Landquart–Davos–Bahn. «Operette am Gleis» heisst das Stück, das die Zuschauenden zurück ins Jahr 1889 entführt und auf die Bedenken und Erwartungen an die damals neue Eisenbahn eingeht. Die Idee dazu hatte der Präsident des Vereins Drehorgelfestival Engadin, Max Kessler, aus S-chanf. Das Libretto stammt vom Samadner Schauspieler Lorenzo Polin.

Die Melodien wurden vom Memminger Musiker Otfried Richter komponiert und vom Zürcher Linuk Robertson getextet. Mit dabei sind auch die «Tschoo-Tschoo-Singers» aus S-chanf unter Leitung von Jürg Keller sowie viele andere Beteiligte. Unter anderem auch Fredy Pfister. Er grinst und meint: «Ja, ich stehe dort auch auf der Bühne. Dabei spiele ich den Davoser Landammann Stiffler, der bei der Eröffnung der Bahnlinie 1889 eine Festrede hielt.» Wie er erklärt, soll die Operette die Entstehung der Bahn auf kurze und süffige Weise aufgreifen.

Für die «RHÆTIA» dürfte das Einweihungswochenende Auftakt zu einem abwechslungsreichen Lebensabschnitt werden. Fredy Pfister hegt nämlich grosse Pläne für die Lok. «Wir haben bereits verschiedene Anfragen von anderen Bahngesellschaften erhalten, die mit der ‹RHÆTIA› Sonderfahrten veranstalten möchten, auch eine aus Nordfrankreich.»

Die «RHÆTIA» würde so auch als eine Art Werbebotschafterin für den Bündner Tourismus fungieren. Doch auch auf ihrem Stammnetz dürfte die alte Dame wieder öfter verkehren. Denn eines macht sie so wirklich einzigartig: «Die RhB ist eine der wenigen Bahngesellschaften in Europa, die ihre allererste Lok noch immer betriebsbereit im Fahrzeugpark hat», so Fredy Pfister. Und genau das macht die «RHÆTIA» zu einem besonderen Schatz. 

Weitere Informationen zur Einweihung sowie Billette zur Operette findet ihr hier