Miteinander reden, statt weitere Zäune und Lager bauen
von Swantje Kammerecker
Der Verein Kulturzyt, die Evangelisch-Reformierte Kirchgemeinde Glarus-Riedern sowie die Katholische Pfarrei St. Fridolin Glarus laden gemeinsam zum Vortrag des aus Schwanden stammenden Germanistik-Professors Mario Andreotti ein. Anhand etlicher Beispiele leuchtet er das spannende wie auch spannungsreiche Verhältnis zwischen moderner Literatur und christlichem Glauben aus. Dieses ist durch Einwände und Vorbehalte gekennzeichnet – geprägt von der Unvereinbarkeit des Glaubens an einen von Gott geordneten Kosmos, auf dem jede wirklich christliche Dichtung ruht, und der vorherrschenden Grunderfahrung einer in sich heillos zerrissenen, gesichtslosen Welt.
Religion fristet im privaten wie im öffentlichen Raum zunehmend ein Nischendasein, und kirchliche Bildungen gehen verloren: Gehörten Anfang der 1970er-Jahre noch über 90 Prozent der Schweizer Bevölkerung einer der beiden Landeskirchen an, der reformierten oder der katholischen Kirche, sind es heute kaum mehr als 50 Prozent. 30 Prozent sind ohne Konfession. Auch unter getauften Christen glaubt nur noch jeder dritte an die Auferstehung Jesu und an ein Leben nach dem Tod. Der Rest feiert Ostern als Eiersuch- oder als Gotthardstau-Ritual.
In der zeitgenössischen Literatur spiegelt sich die Abkehr von der Religion. Diese Entwicklung hat jedoch, wie Professor Mario Andreotti aufzeigt, bereits im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, eingesetzt – mit der beginnenden Auseinandersetzung zwischen Wissen und Glauben. Typisch christliche Themen finden sich im ausgehenden 19. Jahrhundert immer seltener in der Literatur, ausgenommen in bewusst christlichen Werken.