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Graubünden

Glarner Weltchor probt zum ersten Mal

Südostschweiz
03.05.2023, 04:30 Uhr
vor 33 Minuten

von Swantje Kammerecker

Am Freitagabend um halb acht Uhr begrüsst Jürg Wickihalder, Leiter der Glarner Musikschule, zwei gute Dutzend erwartungsvolle Sängerinnen und Sänger im Saal der Schule Ennenda, verteilt Visitenkärtchen und Probenpläne. Es ist die erste Probe des Glarner Weltchors (früher: Chor der Nationen Glarus), der neu als Angebot der Erwachsenen-Bildung von der Glarner Musikschule geführt wird.

Als Chorleitung gewählt wurde das Ehepaar Elizabeth und Geza Kalmar. Das Ergebnis sei eindeutig und mit überwältigender Mehrheit zustande gekommen, heisst es von den Verantwortlichen. Später, während das erste Lied erklingt, wird auch schnell klar: Vorne steht eine Dirigentin mit sprühendem Charisma, die selber eine grosse Solostimme und viel musikalische Erfahrung mitbringt. Gleichzeitig versteht es Elizabeth Kalmar, auch Menschen mit wenig Vorkenntnissen zum hinhörenden Singen zu motivieren und anzuleiten. Im Hintergrund unterstützt Ehemann Geza am Klavier.

Kulturelle und ethnische Vielfalt ist und war schon das Kennzeichen des von Bernhard Furchner gegründeten «Chor der Nationen», der mit mehreren Sektionen schweizweit auftritt. «Auch wir werden verschiedensprachig singen», verkündet Elizabeth Kalmar zu Beginn. «Aber wir fangen nicht gleich mit Ukrainisch an, wir nehmen mal etwas Geläufigeres, eine Landessprache der Schweiz, Italienisch.»

Der Hit des blinden Startenors Andrea Bocelli «Con te partirò» wird verteilt. «Notenlesen muss man nicht können, aber ihr erkennt auch so, ob es eher rauf oder runter geht mit der Stimme, ob der Ton lang oder kurz ist.» Bevor das Ganze vierstimmig zusammengebaut wird, geht es aber erstmal darum, die richtigen Töne zu finden. Dafür ist das gründliche, genaue Einsingen so wichtig, es wird einzeln für verschiedene Stimmlagen durchgeführt.

Nach der Krise die Chance gepackt

Der enthusiastischen «Wiedergeburt» des Chors ging eine Krise und Phase der Neuorientierung voraus, erklärt Catherine Schmidig, die mit einem kurzen Unterbruch von Beginn an und bis zur Übergabe an die Musikschule Chor-Präsidentin war; 13 Jahre im Ganzen.

Lang habe das Konzept funktioniert, aber während der Coronazeit wurde es schwieriger: die Singenden zusammenzuhalten, Sponsorengelder zu generieren, der Mitgliederbeitrag stieg über die Schmerzgrenze. Nach dem Jahreskonzert folgte die einvernehmliche Trennung vom Dirigenten. Während der Übergangsphase von Februar bis April dieses Jahres sprang der pensionierte Musiker Andreas Habert als Leiter ein.

Im September 2022 ging man auf die Glarner Musikschule zu und fragte nach Möglichkeiten: «Wir haben bei Jürg Wickihalder offene Türen eingerannt. Da trafen seine Vision, einen Erwachsenenchor anzubieten, und unser Anliegen, eine neue Organisationsform zu finden, aufeinander, und alles ging sehr schnell.»

Eine Win-win-Situation: Die bislang aufwendige Vereins- beziehungsweise Vorstandsarbeit entfällt, es gibt für ein paar «Aufgabenträger» im Chor nur noch wenig Punktuelles zu regeln. Die ganze musikalische Arbeit läuft über Elizabeth und Geza als Leiter. Die beiden sind glücklich über ihre Wahl und ihre neue Aufgabe: «Freude erleben, Neugier wecken, Musik als Balsam für die Seele», so beschreibt Elizabeth Kalmar ihre Motivation. «Ein Chor mit dieser Ausrichtung – gerade auch als Heimat für Zugezogene und Geflüchtete, ist eine wunderbare Sache», so Geza Kalmar.

Wie Musik heilsam wirkt, hat Catherine Schmidig bei einer sehr traurigen, geschiedenen Frau erlebt, die im Chor ihren Platz fand und wieder aufblühte. «Wir haben auch erlebt, dass nicht nur Ausländerinnen, sondern auch Neuzuzüger von anderen Landesteilen ‹Integration› zu schätzen wissen. Das herzliche, gute Klima der Chorgemeinschaft tut gut.»

Das erste Konzert findet noch in diesem Jahr statt

Wie sieht die Dirigentin die Zukunft? «Wir wollen wachsen als Chor – qualitativ und quantitativ. Aber nicht mit übertriebenem Ehrgeiz: Die Leute sollen sich mit ihren Stimmen wohlfühlen, das Singen als Oase für ihren Alltag entdecken. Mal wird es bekannte Lieder geben, dann wieder Neues. Das Wichtigste für mich ist, dass Menschen berührt werden durch die Musik.»

Der erste grosse Auftritt ist beim Weihnachtskonzert der Glarner Musikschule in der Stadtkirche Glarus geplant, am Sonntag, 10. Dezember.

Der Glarner Weltchor steht allen Interessierten offen, anmelden kann man sich bei der Glarner Musikschule, auch Schnupperlektionen sind möglich. Für Menschen, die das Kursgeld nicht oder nicht vollumfänglich zahlen können, gibt es einen Fonds für Ermässigungen.

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