Porträt eines Rahmensprengers
Von Cindy Ziegler
Es herrscht Abbruchstimmung. Oder doch Aufbruchstimmung? Ganz klar ist es nicht. Die Wände in der ehemaligen Nespresso-Filiale an der Gäuggelistrasse 2 in Chur sind rau, teilweise ist der Verputz abgeblättert. Marco Piroddi begrüsst mit einem entschuldigenden Lächeln. «Wir sind noch nicht ganz fertig», erklärt er und zeigt hinter sich in den Raum. Er lädt zum Kaffee und zum Gespräch. «Wir setzen uns in die Sonne oder?», fragt er und sitzt ab. Dem gebürtigen Sarden scheint die Sonne aus dem Herzen – und nun auch auf den Kopf.
Der 38-Jährige mag Wärme.
In seinem Leben ist Marco Piroddi schon viel herum gekommen. Hat an so manchem Orten seine Zelte auf- und wieder abgebaut. Ist aufgebrochen. Auf der italienischen Mittelmeerinsel Sardinien geboren, zieht er als Teenager mit seiner Familie nach Deutschland. Dort beendet er die Schule und macht eine Ausbildung zum Koch. Über 20 Jahre lang arbeitet er dann in verschiedenen Gourmetküchen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. «Ich habe in dieser Zeit viel gesehen und viele Menschen kennengelernt», sagt er und nimmt einen Schluck seines Cappuccinos. Das Kochen habe ihn lange Zeit erfüllt. Ausgefüllt. Doch irgendwann habe er sich nur noch als Teil eines Systems empfunden. Habe eine Entfremdung gespürt. In dieser Zeit sei die Kunst aus dem Nichts aufgetaucht. «Und doch hat es sich für mich selbstverständlich angefühlt, mich mit Farben auf der Leinwand auszudrücken», erinnert er sich.
Kunstvoll
Der 38-Jährige überlegt sorgfältig, bevor er spricht. Oft sind die Worte bedacht, klingen in seinem Hochdeutsch beinahe lyrisch. Kunstvoll. «Im Atelier bin ich freier als in der Küche. Kunst kann man nicht genug beladen», sagt er. Es folgt ein weiterer Schluck aus der Kaffeetasse. «Kunst bleibt erst mal und ist nicht in zehn Minuten verspeist.» Und doch hätten das Kochen und die Kunst einiges gemeinsam. So sei für ihn beides eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Es gehe ums Handwerk. Aber auch um Harmonien und Kompositionen. «Ich glaube, meine Zeit in den Gourmet-Küchen war eine Jahrzehnte lange Übung für das Malen. Ausserdem versteht sich ein guter Koch auch als Künstler.»