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Graubünden

Klima, Wandel und «Pas de Deux»

Davoser Zeitung
19.08.2022, 16:37 Uhr
heute um 12:16 Uhr

Pinnocks Auftragskomposition für das Davos Festival heisst «After Severn Cullis-Suzuki», nach den Worten einer kanadischen Umweltaktivistin, die als damals Zwölfjährige 1992 am Klimagipfel in Rio de Janeiro gesprochen hat. Die Komponistin fokussiert in ihrer Musik auf einen Satz: «If you don't know how to fix it, please, stop breaking it». Wenn Ihr nicht wisst, wie Ihr die Erde reparieren könnt, bitte, hört doch auf, die zu zerstören. «Ich betrachte diese Phrase durch meinen eigenen Filter, nehme die Sprachmelodie im Redefluss auf und mische dazu rhythmische Elemente, in einer gedehnten, geglätteten Form», sagt Naomi Pinnock über ihr Werk. Sie freut sich, es heute mit dem Geiger Eoin Ducrot und dem Bratschisten Alessandro d'Amico zu erarbeiten. Auch dem Gespräch vor dem Konzert sieht sie mit Freude entgegen, aber sie lacht dabei: «Es ist nicht immer einfach, meine Gedanken in Worte zu fassen. Deshalb schreibe ich ja Musik!» (Konzert «Auf der Anklagebank» am Freitagabend, 19. August, um 20.30 Uhr im Kongresszentrum)

In einem Projekt im Rahmen von «Davos Festival macht Schule» setzen Jugendliche sich mit der Frage auseinander, wie der Klimawandel klingt. Der Bariton und Musikvermittler Arion Rudari hat dafür mit zwei Geografieklassen der SAMD zusammengearbeitet. Entstanden sind fünf eindrückliche Soundcollagen. Eine von diesen wird auch Teil des freitäglichen Abendkonzerts sein. Die Primarschule Davos Platz hat einen musikalischen Grusel-Spaziergang durch das Schulhaus komponiert und szenisch mit viel Phantasie gestaltet. Das interessierte Festivalpublikum kann diesen am Freitag um 18 und 18.30 Uhr im Schulhaus Davos Platz erleben. Alle Ergebnisse der Schülerworkshops sind auf der Homepage von Davos Festival zu finden.

Für das grosse Finale am Samstagabend um 17 Uhr im Kongresszentrum bleibt «Nichts als die Wahrheit» übrig – oder doch nicht? Vielleicht hat die Beschäftigung mit dem Flunkern in der Musik auch die Ohren geöffnet für die grossen Zweifler. Thomas Adès hat ein Klavierquintett komponiert, das instabil und wie aus einem Paralleluniversum klingt. Das Opalio Quintet hat das komplexe Werk für das Davos Festival erarbeitet. Darauf folgt Paul Hindemiths Sonate für Viola und Klavier, mit zwei Tänzern des Balletts Zürich und Staatsballetts Berlin – um dem Werk Halt zu geben oder es zu illustrieren? Der Choreograph Théo Just sagt dazu: «Tanz lügt immer! Wir müssen unsere Bewegungen mühelos aussehen lassen, den Zauber der Atmosphäre aufrechterhalten und verschleiern, wie viel Technik dafür notwendig ist. Meine Choreographie für dieses Stück handelt genau von diesen Lügen, aber auch davon, durch Selbstbetrug besser zu werden, wenn wir zuweilen unsere Grenzen ignorieren und dann über uns hinauswachsen.»

Das können Besucherinnen und Besucher in einer offenen und kostenlosen Ballettstunde selbst ausprobieren. Als erstes Musikfest der Schweiz bietet das Davos Festival am Samstagvormittag um 11 Uhr ein «Ballett für alle» in der Aula der SAMD an. Théo Just lädt dazu ein, gemeinsam den Körper geschmeidig zu machen für den Tag. Keine Angst vor den einfachen Übungsabläufen am Barren, jeder kann sich wie ein Tänzer fühlen. «Es kommt nicht auf die Fitness an oder die Fähigkeiten. Alles, was zählt, ist der Spass!»

Das Lügen und das Zweifeln, die Körpererfahrung und die Transzendenz können nur in einem Werk enden: Arnold Schönbergs «Verklärte Nacht» steht immer noch für den Quantensprung schlechthin in der Musikgeschichte. Mit diesem Werk kann das Festivalpublikum noch einmal Holly Hyun Choe mit der Davos Festival Camerata erleben und dann entschweben. Oder, ganz traditionell, an der Festivalbar gemeinsam weiterfeiern.

Alle Infos, das ganze Programm und Tickets auf www.davosfestival.ch

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