Jugendfeuerwehr Chur: Wo Kinder zu den Feuerwehrleuten von morgen ausgebildet werden
Ein Artikel aus der «Bündner Woche»
Vor dem Depot Kalchbühl der Stadtfeuerwehr Chur parkieren Feuerwehrfahrzeuge in akkuraten Reihen. Drinnen hängen Helme, beschriftete Kästen, Jacken in leuchtendem Orange. Weiter hinten befindet sich nochmals eine Reihe von Spinden – die Kleidung dort ist etwas kleiner. Es sind die Spinde der Jugendfeuerwehr Chur. Volker Eix, Leiter der Jugendfeuerwehr Chur, erwartet uns dort mit zwei Mitgliedern, Mila Lietha und Mauro Donnicola. Seit der Gründung der Jugendfeuerwehr Chur im Jahr 2001 ist Volker Eix dabei – zuerst als Ausbildner, heute als Leiter. 29 Jahre hat er aktiv in der Stadtfeuerwehr Dienst geleistet, bis zu seinem 50. Geburtstag. Dann hat er gewechselt: statt Ernsteinsätze nun Jugendarbeit. «Einerseits macht mir die Arbeit mit den Jugendlichen immer noch Spass», sagt er, «andererseits haben meine Leiterinnen und Leiter sonst schon genug Übungen.» Bis 65 will er weitermachen, dann soll jemand Jüngeres übernehmen, fügt er schmunzelnd an.
Die zehnjährige Mila Lietha ist seit dem Frühling bei der Jugendfeuerwehr dabei. Zur Feuerwehr kam sie, weil ihr Vater Teil der Stadtfeuerwehr ist – aber, wie sie betont: «Ich wollte auch selbst gerne bei der Jugendfeuerwehr mitmachen.» Auch Mauro Donnicola erzählt heute von seinen Erfahrungen in der Jugendfeuerwehr Chur. Er ist 16 Jahre alt und im ersten Lehrjahr als Logistiker. Wie ist er auf die Jugendfeuerwehr gestossen? «Mein Kindheitstraum war es, Feuerwehrmann zu werden.» Diesen Traum hat er mittlerweile zwar begraben – die Feuerwehr als Freizeitbeschäftigung aber nicht. «Seitdem ich zehn Jahre alt bin, bin ich mit viel Freude dabei.»
Nur die Schuhe braucht es noch
Wer bei der Jugendfeuerwehr Chur mitmacht, bekommt fast alles gestellt: Helm, Hose, Jacke, T-Shirts, sogar eine Fleecejacke und eine Regenjacke. Nur die Schuhe müssen die Jugendlichen selbst mitbringen – «weil da die Grössen jedes Jahr wechseln», erklärt Volker Eix pragmatisch und lacht. Ein Wanderschuh oder ein Trekkingschuh tut es bestens. Die Übungen finden jeweils Mittwochabends statt – von Mai bis zu den Sommerferien und danach von August bis Oktober. Durch den Winter hindurch wird nicht geübt; die kurzen Tage und die Witterung machen es unpraktisch. Einmal pro Jahr gibt es eine Samstagsübung, bei der mehr Zeit bleibt für aufwendigere Ausbildungseinheiten: Arbeiten mit Motorspritzen, an den Waldbrand-Löschbecken oder einfach mal Bogenschiessen, «damit man auch etwas anderes macht als Feuerwehr», merkt Volker Eix an.
Fast wie bei den Grossen
Die Ausbildung selbst ist längst nicht mehr das spielerische Herumexperimentieren der Anfangsjahre. «Man hat gemerkt, dass es sinnvoller wäre, wenn die Jugendlichen direkt an Geräten ausgebildet werden, die später auch bei den Grossen verwendet werden», sagt Volker Eix. Heute lernen die Jugendlichen, Tanklöschfahrzeuge zu bedienen – als Truppenmitglieder, nicht als Fahrer –, üben mit Motorspritzen und Schläuchen, absolvieren Funk- und Handschiebeleiter-Ausbildungen. Atemschutzgeräte trägt bei der Jugendfeuerwehr aber niemand. «Ein solches Gerät ist 15 Kilo schwer. Für die Jüngsten, die gerade einmal zehn Jahre alt sind, wäre das viel zu schwer.» Trotzdem lernen die Jugendlichen, wie man eine Flasche wechselt und einen Atemschutztrupp überwacht. Der Unterschied zur «echten» Feuerwehr ist klar: Ernsteinsätze gibt es für die Jugendlichen keine. Aber die Vorbereitung darauf ist real.
Mutige Momente
Was bedeutet Mut in der Jugendfeuerwehr? Mauro Donnicola denkt kurz nach, dann sagt er: «Wenn man Angst vor etwas hat – zum Beispiel vor der Dunkelheit – und dann trotzdem bei einer Übung im Dunkeln mitmacht.» Mila Lietha nickt zustimmend. Sie selbst habe hier bisher keine Angst überwinden müssen, gibt sie zu. Auch Mauro Donnicola schliesst sich dieser Meinung an. Wie sieht es beim Leiter der Jugendfeuerwehr Chur aus? «Während 29 Jahren aktiver Feuerwehrarbeit habe ich durchaus Einsätze erlebt, bei denen ich mich schon überwinden musste, um überhaupt reinzugehen.»
Bei der Jugendfeuerwehr ist aber klar: Niemand wird zu irgendetwas gezwungen. Wer nicht auf die Leiter will, geht nicht auf die Leiter. «Wenn jemand sagt, er oder sie möchte nicht in die Höhe klettern, dann wird das akzeptiert», sagt Volker Eix. «Man kann sagen, du probierst mal zwei Sprossen. Aber wenn von Anfang an gesagt wird ‹Nein, ich traue mich nicht›, dann wird dieses Nein auch akzeptiert.» Auch werde niemand wegen einer solchen Entscheidung ausgelacht, gehänselt oder ausgeschlossen, fügt er an. Mila Lietha und Mauro Donnicola nicken bestätigend.
Kameradschaft als Fundament
Neben dem Mut ist es die Kameradschaft, welche die drei Feuerwehrbegeisterten während des Gesprächs immer wieder betonen. Mauro Donnicola, der bei seinem Eintritt niemanden kannte, sagt: «Es ging sehr schnell, bis ich Anschluss gefunden habe. Ich fand Freunde, mit denen ich jetzt immer noch eng bin – auch ausserhalb der Feuerwehr.» Obwohl Mila Lietha erst an wenigen Übungen teilnehmen konnte, bestätigt auch sie: Der Anschluss kam schnell. Und das nicht ohne Grund – Volker Eix richtet die Ausbildungsinhalte bewusst auf Zusammenhalt aus. Letztes Jahr organisierte er etwa eine Samariterausbildung mit dem örtlichen Samariterverein. «Überall hängen Defibrillatoren, und keiner weiss so wirklich, wie man sie bedient.» Die Jugendlichen sollten die Angst davor verlieren und wissen, wie man im Ernstfall handeln kann. Volker Eix findet: «Wissen gibt Sicherheit, Sicherheit gibt Mut.»
Einfach mal reinschauen
Wer nun selbst einmal bei einer Übung der Jugendfeuerwehr vorbeischauen will, kann dies ganz unkompliziert tun und sich direkt bei Volker Eix melden. Die Plätze bei der Jugendfeuerwehr sind jedoch beschränkt. Interessierte müssen also mit einer Warteliste rechnen. Doch das Warten lohnt sich, verspricht Mauro Donnicola: «Hier bei der Jugendfeuerwehr ist es wirklich sehr cool. Man trifft Freunde und lernt Sachen, denen man sonst im Leben nie begegnet, die aber wirklich hilfreich sein können.»