Zum Hauptinhalt springen
Graubünden

Integration in Graubünden: Brückenbauende helfen Neuangekommenen

Behördenbriefe, Abfalltrennung, Einkaufen: Brückenbauende helfen Geflüchteten und Migrantinnen in Graubünden seit fünf Jahren im Alltag.
Maria-Catharina Lechmann
heute um 10:00 Uhr

Das ist ein Text aus der «Büwo»

Wer neu in ein Land kommt, steht vor einer Flut von Unbekanntem. Wie funktioniert die Abfalltrennung? Was bedeutet dieses Schreiben vom Amt? Wo kann man günstig einkaufen? Fragen, die banal klingen mögen – und dennoch überfordern können, wenn man die Sprache kaum spricht, das System nicht kennt und niemanden hat, dem man vertraut. Genau hier setzt das Angebot «Brückenbauende» des Kantons Graubünden an. Seit fünf Jahren vermitteln ausgebildete Personen mit eigener Migrations- oder Fluchterfahrung zwischen Neuangekommenen und dem Schweizer Alltag.

Eine Idee aus einem Bedürfnis

«Das Projekt ist aus einem Bedürfnis entstanden», erklärt Tamara Gianera. Sie leitet das Ressort Bildung und Soziales bei der Fachstelle Integration, die zum Amt für Migration und Zivilrecht des Kantons Graubünden gehört. Neuangekommene Menschen – ob Geflüchtete oder Migrantinnen und Migranten – finden sich im neuen Land oft nicht zurecht. Sprachliche Barrieren sind dabei nur ein Teil des Problems. Mindestens genauso gewichtig sind kulturelle Unterschiede und schlicht die Unkenntnis darüber, wie Systeme hier funktionieren. «Nur schon in Europa selbst sind die Systeme nicht alle gleich», sagt sie.

Und auf der anderen Seite fehlt es manchmal auch den Behörden und Institutionen an Sensibilität im Umgang mit Menschen, die neu angekommen sind – nicht aus Absicht, sondern aus Unwissen. Die Brückenbauenden sollen genau diese Lücke schliessen. Sie kennen beide Seiten. Sie wissen, wie es sich anfühlt, neu zu sein. Sie kennen die Hürden aus eigener Erfahrung und können gleichzeitig als Vorbilder wirken: Es ist möglich, anzukommen und sich zurechtzufinden.

37 Personen, mehr als 10 Sprachen

Heute zählt das Angebot 37 Brückenbauende, 23 Frauen und 14 Männer, die eine Vielzahl von Sprachen abdecken. Amharisch, Farsi, Kurdisch, Singhalesisch oder Spanisch, um nur einige der verfügbaren Sprachen aufzuzählen. Begonnen hat das Projekt 2021 mit 25 Personen. Der Ausbau zeigt, dass das Angebot gefragt ist. «Die Arbeit geht uns nicht aus», sagt Tamara Gianera und schmunzelt.

Die Auswahl der Brückenbauenden richtet sich nach konkreten Kriterien: Herkunft, Sprache und Geschlecht spielen alle eine Rolle. Nicht nur das Herkunftsland zählt, sondern auch die Region – denn innerhalb mancher Länder gibt es unterschiedliche Sprachen und erhebliche kulturelle Unterschiede, mitunter sogar Konflikte. «Da muss man natürlich auch auf das achten», erklärt die Ressortleiterin. Bei sensiblen Themen kann es ausserdem wichtig sein, dass eine Person vom gleichen Geschlecht betreut wird. «Auch wenn 37 Brückenbauende nach viel klingt, bleibt manchmal wenig Auswahl übrig.»

Die Brückenbauenden werden nicht über öffentliche Ausschreibungen rekrutiert, sondern über das bestehende Netzwerk der Fachstelle und persönliche Verbindungen der bestehenden Brückenbauenden. Wer neu dazukommt, absolviert eine Ausbildung mit Modulen zu Themen wie Rollendefinition, Nähe und Distanz, interkulturelle Kompetenz, Kommunikation und Gesprächsführung, Behördenrecht und Finanzen sowie das Schweizer Bildungssystem. Während sechs Tagen werden die Brückenbauerinnen und -bauer geschult und sensibilisiert. Regelmässige Weiterbildungen zu spezifischen Themen ergänzen die Grundausbildung laufend.

Starthilfe statt Übernahme

Ein zentrales Prinzip des Angebots: Die Brückenbauenden erledigen die Dinge nicht für ihre Klientinnen und Klienten – sie begleiten sie dabei, es selbst zu lernen. «Sie zeigen und unterstützen», erklärt Tamara Gianera. «Schlussendlich müssen sich die Klientinnen und Klienten allerdings selbst darum kümmern.» Es geht also um Starthilfe, nicht um Übernahme.

Die Einsatzbereiche sind breit: Alltagsfragen wie Abfalltrennung, Einkaufen oder E-Banking; Unterstützung im Umgang mit Behörden und beim Verstehen von amtlichen Schreiben; Hilfe bei der Wohnungssuche. Vor allem aber auch: soziale Integration. Den ersten Kontakt zur Nachbarschaft finden, Anschluss gewinnen, irgendwo dazugehören.

Wichtig ist Tamara Gianera aber, die Abgrenzung zu interkulturellen Dolmetschenden hervorzuheben. Letztere übersetzen das Gesagte mit dem interkulturellen Kontext, dürfen aber keine eigene Meinung einbringen und keine selbstständigen Handlungen vornehmen. Brückenbauende hingegen vermitteln aktiv, erklären und begleiten. «Wenn es um fachliche Themen geht, wie etwa bei einem Arztbesuch, ist eher eine interkulturelle Dolmetscherin nötig», so die Ressortleiterin.

Eine Brücke in beide Richtungen

Ein häufiges Missverständnis bei Integrationsprojekten: Integration wird als Einbahnstrasse verstanden. Die Neuangekommenen sollen sich anpassen, die Aufnahmegesellschaft schaut zu. Das Brückenbauer-Angebot denkt das anders. «Integration ist nicht nur ein Weg in eine Richtung, es ist ein gegenseitiger Prozess», betont Tamara Gianera. «Wenn man die Geflüchteten oder Migrantinnen und Migranten ausschliesst, dann ziehen sie sich zurück, halten sich in ihren geschlossenen Gruppen auf. Das kann zu Konflikten führen», sagt Tamara Gianera. «Von einer offenen Haltung profitieren alle – diejenigen, die neu hierher gekommen sind, und diejenigen, die schon lange hier leben.» Denn auch Einheimische können sich im Alltag selbst als Brückenbauende engagieren: «Offen sein, auf Menschen zugehen oder freundlich ansprechen – so kann jeder und jede im Alltag eine kleine Brücke bauen.»

Tour de Suisse der Menschlichkeit in Chur

Vom 20. bis 22. August ist die Schweizerische Flüchtlingshilfe auf dem Alexanderplatz präsent. Im Zentrum steht ihr aufblasbares, begehbares Buchzelt. Während drei Tagen (jeweils 12 bis 20 Uhr) wird das Buchzelt zum Begegnungsraum für Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte. Im Inneren erzählen Texte, Bilder und Filme von persönlichen Erfahrungen geflüchteter Menschen und ihrer Schweizer Freundinnen und Freunde sowie ihrer Bezugspersonen. Geschichten, die Mut machen. Geschichten, die zeigen: Gemeinsam schafft man mehr. Vom Nähen und Malen über Gesprächsrunden bis zum Sport – die diversen Veranstaltungen bieten für alle Gelegenheit zum Mitmachen, Zuhören und Austauschen.

Mehr Informationen zum Programm auf der Webseite.