In Davos dreht sich alles um die Sonne
Der Schweizerische Städteverband feiert sein 100-Jahr-Jubiläum. Aus diesem Anlass hat er junge Schweizer Schriftstellerinnen eingeladen, Portraits über Schweizer Städte zu schreiben. Die Ostschweizer Autorin und Kulturtreiberin Tabea Steiner ist eine der Auserwählten. Ihre Suche nach einer aussergewöhnlichen Schweizer Stadt führte sie nach Davos. Am vergangen Samstag präsentiere sie im «Forum Bau+Kultur» die Früchte ihrer Arbeit und stellte sich der Diskussion.
Zum Einstieg entführte sie die Zuhörerschaft in das Dorf, an dem ihr Erstlingsroman «Balg» spielt. Dem Dorf kommt im Roman eine zentrale Rolle zu, es ist mehr als nur Schauplatz, sein Charakter prägt die Geschichte ebenso wie die Protagonisten. «Das fiktive Dorf habe ich mir Schritt für Schritt erträumt», erklärt die Autorin. «Dafür habe ich wie eine Stadtplanerin viele Pläne und Skizzen gezeichnet und für Strassen sogar Verkehrsregeln erfunden.» Obwohl die literarischen Orte sorgfältig konstruiert sind, am Schluss müssen wenige Buchstaben reichen, um die Lesenden mit den Räumen vertraut zu machen.
Nach Davos führte Tabea Steiner ein Bild. In einer Ausstellung im Zürcher Kunsthaus hing kürzlich zwischen den monumentalen Landschaftsmalereien des bedeutendsten zeitgenössischen Malers Gerhard Richter ein kleines Ölbild mit dem Titel «Davos». Ein Foto im Winter 1971/72, mit Teleobjektiv vom Jakobshorn aus aufgenommen, diente als Vorlage für das 1981 gemalte, ergreifende Ölbild. Es zeigt, wie die Davoser Sonne über der felsigen Schrättenflue vom Winterwetter fast verschluckt wird. Mit einem Foto von diesem Bild im Gepäck reiste Tabea Steiner im Juli eine Woche zur Recherche nach Davos.
Stadt und Landschaft
Dass die Davoser Sonne zum roten Faden im Text werden würde, habe sie da aber nicht geahnt. «Bisher kam ich nach Davos stets wegen der Landschaft, doch da war auch diese Stadt», erklärt Steiner. «Stadt?», murrt es im Publikum. Statistisch gesehen hat Davos schon seit über 100 Jahren mehr als 10 000 Einwohner, in der Hochsaison tummeln sich hier sogar weit über 30 000 Leute, doch im Selbstverständnis der Davoser Bevölkerung blieb Davos stets Dorf, genau gesagt Dorf, Platz und Aussenfraktionen. In der Diskussion mit dem Publikum wurde schnell klar, dass Einheimische und Wahldavoser nicht einfach keine Stadt sein wollen, sondern dass Davos eben mehr als bloss eine Stadt ist. Es sind solche Erkenntnisse oder «Geschenke», wie Steiner sagt, die sie ihren Davoser Auskunftspersonen verdankt. «Nichts musste ich erfinden, alles war schon da.» So ist der Text ebenso dicht und reichhaltig geworden wie die Stadt Davos und ihre Geschichte. Und eben auch ganz anders als ihre anderen Texte, wie die Autorin bekräftigte.