Hans Castorp trifft Thomas Mann
Noch einmal reist Thomas Mann am Ende seines Lebens nach Davos. Seit seinem letzten Besuch im Jahr 1912 scheint die Zeit stillzustehen. Im Patientenzimmer, das er betritt, erwartet ihn ein alter Bekannter: Es ist kein Geringerer als Hans Castorp, Protagonist aus Manns Weltbestseller «Zauberberg». In der Begegnung von Geschöpf und Autor verschwimmt die Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum, zwischen Leben und Tod. Was ist echt? Was Illusion? Was Projektion?
Spiel zwischen Autor und Geschöpf
Das frühere Lungensanatorium ist heute das Waldhotel Davos. Im Erdgeschoss befindet sich ein Zimmer, das noch über die originale Einrichtung für Kurgäste verfügt. An diesem Ort verknüpft das Künstlerkollektiv «Raum und Zeit» Vergangenheit und Gegenwart. In der Installation «Im Zauberberg» betritt immer nur eine Person den Raum und erlebt aus verschiedenen Perspektiven analog, virtuell und immersiv ein Spiel zwischen Autor und Geschöpf, Subjekt und Objekt, Distanz und Emotion. Die Zuschauenden schlüpfen nicht nur in die Rolle Thomas Manns, sondern tauchen in die Welt des «Zauberbergs» ein. In der Auseinandersetzung von Romanfigur und Autor beobachten sie nicht nur, sondern werden selbst zum Teil des Kunstwerks. Die Illusion mündet in eine Begegnung mit sich selbst, virtuell und in 3D.
Auflösung der Zeit
Im «Zauberberg» ist Zeit eine relative Grösse. Der gleichförmige Alltag im Sanatorium löst jegliches Zeitgefühl auf, wie Hans Castorp im Roman bereits nach zwei Monaten feststellt. Was als kurzer Erholungsurlaub vom Alltag, als Episode, angedacht war, wird zum mehrjährigen Aufenthalt. Nicht nur der Zeitsinn, sondern auch die Lebenskraft kommt Hans Castorp schon nach kurzer Zeit abhanden. Die gesund geglaubte Lunge weist einen Schatten auf, die ursprünglich geplanten zwei Monate werden zu einer halben Ewigkeit.
Thomas Manns Auflösung der Zeitlichkeit in die Ewigkeit als Todesmotiv greift «Raum und Zeit» für «Im Zauberberg» auf. Zwischen Hans Castorp, dem sterbenden Thomas Mann und den einzelnen Zuschauenden lösen sich Zeit und Wirklichkeit zusehens auf. Im Schwebezustand zwischen Sein und Nicht-Sein wird das Individuum auf sich selbst zurückgeworfen. Das eigene Verschwinden wirft die Frage auf, was vom Ich übrigbleibt.
Die Premiere von «Im Zauberberg – Thomas Mann@Davos» findet am Samstag, 16. Juli, von 17 bis 22 Uhr im Waldhotel Davos statt. Weitere Vorstellungen sind vom 17. bis 24. Juli täglich zwischen 15 und 22 Uhr alle 20 Minuten für je eine Person möglich. Dauer einer Vorstellung je circa 20 Minuten.
Tickets können online über www.kulturplatz-davos.ch oder von Montag bis Donnerstag von 10 bis 17 Uhr telefonisch unter 081 552 05 50 bestellt werden.