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Kultur

Der Zauberberg, die ganze Geschichte

Davoser Zeitung
28.03.2025, 12:00 Uhr
vor 45 Minuten

Ein deutscher Bestsellerautor macht Kurzurlaub in Davos und schreibt ein Buch darüber. Hundert Jahre nach Thomas Manns Jahrhundertroman «Der Zauberberg» wagt sich der weltbekannte Sachbuchautor Norman Ohler an die gleiche Aufgabe. Der geplante Skiurlaub auf dem Zauberberg nimmt eine abrupte Wende. Fasziniert vom heruntergekommenen Luxussanatorium, in dem er Ferien macht, will Ohler mehr über die Vergangenheit dieses Ortes erfahren. Statt über die Skipisten zu flitzen, rackert sich Ohler in der Folge durch das Archiv der Dokumentationsbibliothek. So kommt es, dass er mit seiner Geschichte auch die «ganze Geschichte» von Davos zwischen die beiden Buchdeckel packt. Es wird ­allerdings kein tausendseitiger Wälzer mit seitenlangen Satzkonstrukten, sondern ein süffisanter Unterhaltungsroman. Nicht nur im Titel erweist das Buch seinem grossen Vorbild Referenz, sondern auch subtil mit den sieben Kapiteln und einzelnen Handlungssträngen, der beschriebenen An­reise, der Amour fou oder dem Schneetraum. Den gehobenen Sprachstil Manns konterkariert Ohler in Dialogen mit der Tochter im breitesten Berliner Gene­ration-Z-Slang.

Doch das Buch ist eben nicht bloss eine Blödelei zum Zauberberg-Jubiläum: Ein ausführliches Literatur- und Quellen­verzeichnis am Schluss untermauert, wie tiefgründig hier Geschichte erzählt wird. Noch nie war die Davoser Vergangenheit zugänglicher: Ohler erzählt, als wäre man hautnah dabei, geschickt webt er die verschiedensten historischen Fakten schlüssig in seine Erzählung ein. Die zweihundertfünfzig Seiten liefern ein derart umfangreiches Kondensat an ­Wissen über Davos, dass auch Davos-Kenner noch etwas lernen können. Ohler nimmt Davos unter die Lupe, vom armen Bauerndorf über das Mekka der Schwindsüchtigen bis zum «Global Village» der Turbokapitalisten von heute. Die perfekte Ferienlektüre, könnte man meinen. Doch bekanntlich sorgte Thomas Manns «Enthüllungsbuch» über die Machenschaften der Kurärzte bei seinem Erscheinen in Davos für reichlich Unmut. Auch die heutigen Touristiker haben wohl keine Freude, wenn Ohler über das «Ende des Skifahrens» schreibt.

Für reichlich Zündstoff für eine spannende Diskussion am nächsten Samstag ist jedenfalls gesorgt. Dann liest Norman Ohler persönlich im Waldhotel Davos aus seiner Zauberberg-Persiflage. Auf einem Rundgang mit Hoteldirektorin Marietta Zürcher werden die original Zauberberg-Schauplätze im heutigen Hotel gesucht, und es ist mehr über «die ganze Geschichte» des ehemaligen Waldsanatoriums zu erfahren.

Samstag, 29. März, von 17 bis 19.30 Uhr im Waldhotel Davos: Lesung mit Norman Ohler und anschliessende Führung und Diskussion. Freier Eintritt – Kollekte.

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