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Graubünden

Eine Recherche zur einig einsamen Schweiz

Barbara Gassler
23.03.2022, 06:16 Uhr
heute um 12:16 Uhr

Die Vorstellung beginnt schon draussen im Foyer. In atemberaubendem Tempo stellen sich die beiden Schauspielerinnen Anja Rüegg und Giorgina Hämmerli als Fremdenführerinnen zur authentischen Alp vor. Denn dort, so erfahren die Theaterbesuchenden, heisse es nur entweder «schaffe» oder «schlafe». Weitab von jeder Aussteigerromantik gelte es unter vielen anderen Aufgaben, Käse herzustellen. «Das ist keine Hexerei, aber Magie», schwärmen die Schauspielerinnen, um gleich darauf zu stöhnen: «Aber soooo aufwendig». Neugierig gemacht, disloziert das Publikum anschliessend in den Theatersaal, wo absolute Stille herrscht. Ein einfacher Bauernschrank und eine grosse weisse Decke machen das Bühnenbild aus. Ein leuchtender Ring umgibt das Ganze. Doch, wo sind die beiden Schauspielerinnen, die den Zuschauenden vorangingen?

Kondensat einer Recherche

Was steckt eigentlich in oder hinter der Landesmutter Helvetia? Mit dieser Frage im Kopf nutzte Livio Beyeler vom Studio Beyeler die coronabedingte Zwangspause im Kunstbetrieb und besuchte letztes Jahr fünf Alpen. Dabei entstand nicht nur «Hellvetia» – ein stummes T darf voran gestellt werden – sondern auch eine Serie von Podcasts. Aus den Fragen und Antworten darin entstand das Schauspiel.

Eingeschlossen auf der Suche

Sanft lässt die Sennerin, die sich schon unter der weissen Decke hervorgearbeitet hat, die ersten Takte des Guggisberg-Liedes erklingen. Die Melodie wird aufgenommen und variiert durch die zweite auftauchende Gestalt. Der Ring leuchtet kalt, weiss, bedrohlich. Nach und nach wird die Situation klar, die beiden Frauen sitzen fest, von einer Lawine eingeschlossen in der Alphütte. Eingeschlossen in ihrem weissen Gefängnis setzen sie sich mit dem Älplerleben, Klischees und der modernen Schweiz auseinander. Rüegg und Hämmerli verkörpern dabei virtuos zwei unterschiedliche Charaktere und ihre Wege, mit der Situation umzugehen. Denn der Alpsegen, den sie noch hatten sprechen wollen, ist vergessen gegangen. Nun müssen sie, herausgefordert und bedroht vom unfassbaren Es, die Folgen erdulden. So entspinnt sich ein Dialog, manchmal boshaft mit vertrauten Zitaten spielend, manchmal das Vertraute hinterfragend und umwandelnd. Im Zwiegespräch werden die vielfältigen Aspekte des Alplebens zitiert und in die moderne Welt gezerrt. Es geht um Abgeschiedenheit, Demut und um Ausbruch oder Verharren. Natürlich darf Sex nicht fehlen, und so muss auch ein Sennentuntschi her. Passend zu den Sennerinnen ist es hier aber ein männliches Exemplar. Die originale Sage wird jedoch nicht vergessen. Auch die namensgebende Helvetia wird seziert. Wer ist sie? Was ist ihre Geschichte? Was kann in die vor 200 Jahren entstandene Identifikationsfigur der jungen Schweiz hineinprojeziert werden? Ist sie mehr als ein Bild, in der sich zumindest alle Landessprachen wiederfinden konnten? Irgendwann ist der Schnee getaut, der Alpsegen gesprochen, die Sennerinnen wieder frei. Der Ring leuchtet warm, golden.

Zum Reflektieren

Es ist kein einfaches Stück, das dem Publikum da geboten wurde. Viele Aussagen, Themen und Antworten prasseln in kürzester Zeit hernieder. Sie müssen erst sortiert und und reflektiert werden. Höflich, aber auch verhalten war entsprechend der Applaus für diesen interessanten Beginn eines neuen Theaterzeitalters in Davos.

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