Die Bündner Walser – Pioniere im Alpenraum
Am 25. Juli 1274 stellten die Freiherren von Sax-Misox eine Urkunde aus, worin sie Jacobus und Vbertus, die Söhne des verstorbenen Petrus von Riale, Formazza, wohnhaft im Rheinwald, mit ihren Angehörigen unter ihren Schutz nahmen und lieferten damit das erste schriftliche Zeugnis von Walser Siedlern auf dem Gebiet des heutigen Kantons Graubünden.
Um die kulturelle Landschaft Graubündens zu verstehen, muss man die Kultur der Walser verstehen, und die Art und Weise, wie ihre Ankunft die Region prägte und gestaltete. Die arbeitsamen Bergpioniere brachten im frühen Spätmittelalter nicht nur den alemannischen Dialekt nach Graubünden und machten durch ihre weitreichenden Rodungen weite Teile Graubündens überhaupt erst urbar, mit ihrer extensiven Alpwirtschaft und ihren typischen Streusiedlungen prägten sie auch das Landschaftsbild massgebend und nachhaltig. Auch durch die Walser entstand über die Jahrhunderte ein mehrsprachiges Nebeneinander von alpinen Traditionen und Gebräuchen, die Graubünden noch heute so vielfältig und interessant machen.
Freiherren von Vaz und freie Walser
Die Gründe, warum die Einwanderer im Mittelalter das Wallis verliessen und nach Nordosten zogen, sind noch immer nicht vollständig geklärt. Man weiss allerdings, dass im Oberwallis im Laufe des 12. Jahrhunderts aufgrund des grossen Kinderreichtums eine Überbevölkerung herrschte und das Land knapp wurde. Gleichzeitig wollten in Oberrätien die aufstrebenden Freiherrengeschlechter ihren Machtbereich ausdehnen und festigen. Vor allem die Freiherren von Vaz sahen bald viel Nutzen in den Walser Siedlern, welche die stark bewaldeten, kargen und kaum bewohnten Hochtäler für sie urbar machten. Durch eine kluge Politik banden sie die Siedler mit Schutzbriefen an sich. Als Gegenzug für die kolonisatorischen Tätigkeiten gewährten die Vazer Freiherren den Walsern Rechte und Freiheiten, die zu jenen Zeiten keineswegs selbstverständlich waren. Ein solch wichtiger Vertrag wurde 1289 in Davos aufgesetzt und machte das Davoser Hochtal bald zur grössten Walserkolonie in Oberrätien.
Mit dem Vertrag gewährten die Freiherren den Siedlern das Erblehen, das gerodete Land konnte von Generation zu Generation übertragen werden. Die verein-barten Abgaben und Termine waren geregelt und durften nicht erhöht werden. Zudem gewährte der Vertrag auch die Ausübung der niederen Gerichtsbarkeit, die Walser konnten ihren Ammann selber wählen und sich weitgehend selbst verwalten. Im Gegenzug mussten sie ihrem Herrn den Lehenszins entrichten und waren zu militärischer Hilfeleistung verpflichtet. Es waren diese frühen Schutzbriefe und Verträge, die das selbst-bewusste Freiheitsdenken der Bündner Walser prägten, denn im Rahmen dieser Verträge galten die Walser als frei.