Zusammen allein sein
Voyeuristisch klingt die Einladung, Menschen beim «Selbstgespräch» zuzuhören. Das diesjährige «Davos Festival – young artists in concert» beginnt an diesem Samstag im Kongresszentrum genau damit. Das Publikum lauscht langen Gedankenströmen wie in der «Pavane» von Philippe Hersant, gespielt vom Bratschisten Sào Soulez Larivière. Oder es lässt sich von Äneas Humm in die Traumwelt des Don Quichotte führen, wie Maurice Ravel sie für Baritonstimme gefasst hat. Innere Dialoge führen wir alle, doch ist es aufregend, aus diesem Blickwinkel Werken zu lauschen, die Komponierende zu Papier gebracht haben.
Gute zwei Wochen lang betrachten junge Musikerinnen und Musiker in diesem Sommer das «Allein» in allen Facetten. Eine gewagte Themenwahl, denkt mancher, nach zwei Jahren Zusammenkunftsbeschränkung durch Covid-19. Doch Festivalintendant Marco Amherd ist anderer Meinung. «Mich hat vor allem fasziniert, welche Kraft im Alleinsein stecken kann», erklärt er. «In der Pandemie haben wir erfahren, was es bedeutet, isoliert zu sein. Um aber neue Ideen zu entwickeln oder die eigenen Bedürfnisse zu erfahren, braucht es den Mut, allein und vielleicht sogar einmal von sich selbst gelangweilt zu sein!» Kreativität entspringe oft in Abgeschiedenheit. Auf die Unterscheidung kommt es Marco Amherd an: «Einsamkeit macht uns krank. Das Alleinsein ist jedoch eine schöpferische Quelle, die die meisten von uns zu wenig nutzen.»
Diese in uns schlummernden Möglichkeiten erörtert auch die Eröffnungsrednerin Olivia Röllin. Seit diesem Jahr ist die Moderatorin der SRF-Sternstunde Religion auch Gesprächsleiterin der Radiosendung «Persönlich» und hört so manche Geschichte darüber, was Menschen tun, wenn sie allein sind.