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Graubünden

Allein immer neu

Davoser Zeitung
14.08.2023, 17:00 Uhr
gestern um 12:16 Uhr

Oder sich auch einfach von «Innenansichten» verblüffen zu lassen, wie es mit dem Programm in der Kirche Monstein am Dienstagnachmittag gelingt. Ann Lepage interpretiert mit ihrem beeindruckenden Farbenreichtum die leichtfüssige Klarinettensonate von Germaine Tailleferre, inspiriert vom Märchen «Die Kleine Meerjungfrau». Und das Trio Streich bringt das geräuschhafte «Insight» von Dobrinka Tabakova mit, in dem drei Streicher wie ein einziges Akkordeon klingen. In die tiefste Innerlichkeit aber führt Franz Schuberts Streichtrio B-Dur.

Unter dem Titel «Ein eigenes Zimmer» griff die britische Schriftstellerin Virginia Woolf Fragen rund um Frauen, Armut und Literatur auf. Der Essay von 1929 gehört heute zu den meistgelesenen Texten der Emanzipationsbewegung. Alleinsein, um das eigene Potenzial auszuschöpfen, oder, ins Heute übersetzt, kreativ sein zu können. Zu den wenigen Künstlerinnen, die das in Woolfs Zeit geschafft haben, gehörte Rebecca Clarke, eine der ersten Bratschistinnen mit fester Position in einem Profiorchester in London, als ­Solistin und Komponistin in weiten Teilen Europas und in den USA gefeiert. Ihr «Poem» für Streichquartett bringt das Barbican Quartett auf die übrigens in ­diesem Jahr akustisch bemerkenswert verbesserte Bühne des Kongresszentrums. Der erst 22-jährige Carter Muller hat im Festival bereits seine breite pianistische Begabung unter Beweis gestellt, nun stellt er dem Publikum die zu ihrer Zeit als «weiblicher Beethoven» gefeierte Emilie Mayer vor.

Es lohnt sich, wie an jedem Konzert im Kongresszentrum, eine Viertelstunde eher zu kommen und in der Ausstellung «Allein 2.0» den Stimmen von Davoser Grundschülerinnen und -schülern zu lauschen, die mit dem Musikpädagogen Arion Rudari kleine Hörspiele und eine Festivalfanfare erdacht und aufgenommen haben. Intendant Marco Amherd ist überzeugt, «dass klassische Musik eine enorme Energie freisetzen und kraftvolle Emotionen auslösen kann.» Dass auch junge Menschen lustvoll in Konzerte gehen, weil die Programme ansprechend sind, ist sein Ziel. Der Eintritt zu allen Festivalkonzerten für alle Menschen bis 16 Jahre kostenlos. «Natürlich ist dies kein einfacher Weg, aber wir müssen immer wieder probieren, möglichst viele Menschen mit unserem Feuer für Musik anzustecken. Nicht damit wir vollere Säle haben, sondern weil ich überzeugt bin, dass jeder Mensch von einem Konzertbesuch lange darüber hinaus profitiert und uns die Kunst im Alltag viel Kraft und Weitblick geben kann!» Das beginnt schon bei den Allerjüngsten. «Die grosse Pinguin- und Bananenshow» mit dem Ardemus Saxophon-Quartett für die ganze Familie ist nicht nur voller verrückter Mitmach-Ideen, sondern mit Musik von George Gershwin, Claude Debussy und vielen anderen ein wahres Katapult in die Klassikwelt, am Mittwoch um 17 Uhr in der Hochgebirgsklinik Davos. Wer bislang Chorklang vermisst hat, der kommt ab Mittwochabend auf seine Kosten. Die Sopranistin Julia Duscher hat das Festivalpublikum bereits als einfühlsame Interpretin mit unterschiedlichen Klavierpartnern und der Davos Festival Camerata kennengelernt. Nun geht sie im Vokal­zirkel auf, einem solistischen Klang­kollektiv aus München. Die Bachmotette «Jesu, meine Freude» steht am Mittwochabend auf dem Programm der acht Sängerinnen und Sänger, und unter dem Konzerttitel «In der Fremde» am Donnerstag singen sie «Notturnos» von Heinrich von Herzogenberg, mit dem viel­seitigen Carter Muller am Klavier.

Mara Engel schreibt für das Davos Festival.

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