Davos entgeistert
Als das WEF 2003 Davos zur streng überwachten Sicherheitszone erklärte, installierte Jules Spinatsch halbautomatische Kameras rund ums Kongresszentrum und «überwachte» frech die Überwacher. Jetzt präsentiert er auf dem Davoser Kulturplatz seine Ausstellung über den Umbau der Davoser Promenade zur WEF-Budenstadt. Nicht nur das WEF, sondern Davos ist ein wichtiges wiederkehrendes Motiv in der Kunst des gebürtigen Davosers. Ob ihm der viel beschworene «Geist von Davos» dabei auch schon vor die Linse kam, wollte Forum «Bau+Kultur»-Moderator Jürg Grassl wissen. Spinatsch konterte, ehrlich gesagt wisse er nicht mal, was dieser ominöse «Geist von Davos» sein soll.
Eine Krankheit begeistert
Hier setzte Literatur- und Kulturwissenschaftler Thomas Barfuss an. Dass dieser «Geist» sich so wirkungsvoll als WEF-Marketingelement verwenden lasse, komme daher, dass er mit viel Davoser Vergangenheit aufgeladen sei. Als relativ abgeschlossener Ort ist Davos von den Kurenden in den Sanatorien in Briefen und Literatur immer wieder als Gegensatz zum Flachland und als seine Steigerung beschrieben worden. In Davos sei «die Maskerade zu Ende», schrieb Elisabeth Franke in «Das grosse stille Leuchten», während Klabund denselben Ort als entfesselten Kostümball beschrieb. Krankheit und Langeweile führten damals zu einer starken Beschäftigung mit sich selbst, mit der Gemeinschaft hier oben und mit dem einzigartigen Ortsgeist, der vielfach beschworen wurde. Heute sind die Tuberkulose-Kuren aus Davos verschwunden, nicht aber der «Geist», den sie ins Leben gerufen haben. Ihn hat sich das WEF zu Diensten gemacht.
Entgeisterung als Triebkraft
Treibende Kraft hinter seiner stetigen Auseinandersetzung mit Davos sei nicht die Begeisterung, konstatiert Spinatsch. «Manchmal bin ich sogar regelrecht entgeistert. Zum Beispiel, als ich gemerkt habe, das WEF hat sich verändert – es hat Davos verändert. Das ganze Drumherum gab es vor der Finanzkrise noch nicht. Dieses neue Phänomen musste ich künstlerisch dokumentieren und aufarbeiten.» Die Verwandlung der Davoser Promenade zur Kommunikationsoberfläche für globale Konzerne. Das Narrativ dieser Inszenierung reduziert sich auf ihre nichtssagenden Marketing-Floskeln. Das sind keine Kulissen mehr, erklärt Thomas Barfuss. «Das sind viel eher rasch wechselnde und beliebige Benutzeroberflächen, wie wir sie von unseren Computern und Smartphones kennen. Man kann zwar hinter Kulissen gucken, aber nicht hinter Benutzeroberflächen. Sie sind jederzeit auswechselbar, ohne Bezug zum Ort.» Kein Wunder, kommen sich die Davoserinnen und Davoser manchmal fremd vor in der eigenen Stadt.
Die Davoser Zwischenwelt
Für die Arbeit «Hintercontinental II – im Ort» erkundete und fotografierte Spinatsch einen Monat lang sein Davos. Im Forum «Bau+Kultur» hat er diese Bilder erstmals öffentlich gezeigt. «Die Fotos zeigen typische Stadtlandschaften», beschreibt sie Spinatsch. Nicht Stadt, nicht Landschaft, sondern das Dazwischen. Formen, welche die Verkehrsinfrastruktur in die Landschaft zeichnet, Zwischenräume, die von Bauten gerahmt werden, das gepflegte Abstandsgrün im ausgestorbenen Zweitwohnungsquartier, Restflächen, welche die wuchernde Natur zurückerobert, eine Baugrube, als hätte der Boden ein Stück Stadt verschluckt, und der herbstliche Wintereinbruch, der das städtische Durcheinander in versöhnliches Weiss hüllt. «Zwischenräume in der Zwischensaison», erklärt Spinatsch.
Chalet-Kitsch und das Echte
Trotz der offensichtlichen Diskrepanz zu den üblichen, touristisch vermarkteten Davos-Bildern: Dem Publikum ist dieses Davos sehr vertraut. Thomas Barfuss erklärt die touristische Erwartungshaltung und ihren Niederschlag auf die bauliche Entwicklung, von der Erfindung des Schweizerhüslis über die Chalets aus der Fabrik bis hin zum globalisierten Alpen-Chic.
Der Tourismus ist eine Modernisierungskraft, die sich oft als Blick zurück inszeniert, so Barfuss. «Auf der Suche nach einem authentischen Ferienerlebnis führt diese Erwartung zu einer eigenartigen Dynamik, die in der Tourismusforschung gut bekannt ist», führt er aus: «Wenn die Kulissen schal werden, sucht man das Echte dahinter. Mit dem Resultat, dass dann das Dahinter zur neuen touristischen Kulisse wird.»
Spinatsch, der auf dem Jakobshorn-Gipfel aufgewachsen ist, stellt verwundert fest: «Früher bauten die Davoser Bergbahnen bis auf die höchsten Spitzen progressiv modern. Wenn sie heute ein neues Restaurant bauen, muss es aussehen wie ein alter Stall.» Im neuen «Stall» würden aber keine Kühe mehr gemolken, sondern Touristen.
Die Arbeit der Kulissenbauer
«Wertschöpfung am schiefen Acker» nennt Jules Spinatsch seine Arbeit «Snowmangement Complex» auch. Er dokumentiert darin, wie die ersten Schneekanonen gegen den Klimawandel ankämpfen, und wirft einen Blick hinter die Kulissen der gut geölten Tourismusindustrie, indem er die allnächtliche Arbeit der Pistenmaschinen begleitet, welche die Schneehänge im Dunkeln mit einem abstrakten Linienteppich überziehen. Auch die winterlichen Grossanlässe in der Bolgen-Arena werden fotografisch dokumentiert. Auf seinen Bildern spielt das «Inventar», die aufgebaute Event-Möblierung, die Hauptrolle. Gespenstisch leergefegt, lassen die Kulissen das bevorstehende Schauspiel, den eigentlichen Event, bloss erahnen. «Die Bilder zeigen, wieso man zum Beispiel vom Ski-Zirkus spricht», erklärt Spinatsch. Schon am nächsten Tag wird all der Plunder wieder verpackt, und die Karawane zieht weiter.
Tourismuswerbung im Wandel
Während Spinatsch dem Publikum auch einen Einblick in seine Sammlung historischer Postkarten zeigte, erklärte Thomas Barfuss, dass neben der Erforschung des «touristischen Blicks» heute immer stärker auch das «Erlebnis» oder das Storytelling treten. Die von Spinatsch fotografierten Anlässe zeigen: Die vermarkteten Erlebnisse werden immer auf-wendiger, immer komplexer. «Die Besucher sind da nicht bloss Konsumenten, sie sind selber ein wichtiger Teil der Inszenierung», wie Barfuss ausführt. Das professionelle Storytelling wird in der Tourismusvermarktung immer wichtiger. Sein aktuelles Forschungsprojekt am Institut für Kulturforschung Graubünden «ikg» widmet sich dem Phänomen der Regio-Krimis: «Kriminalromane werden immer mehr auch zu Fremdenführern», sagt er. Man kann im Hotel nächtigen, das im Krimi der Tatort ist. «Tourismuskritik und Tourismusreklame rücken hier sehr eng zusammen.«
Der verbannte Trittbrett-Fahrer
Schlusspunkt der Bilderreise durch Spinatschs vielfältige Davoser Fotos bildete sein bekanntestes Werk. Dafür liess der Künstler halbautomatische Kameras die Fotos schiessen. Tausende einzelne Bildausschnitte, fotografiert innerhalb von drei Stunden. Aneinandergereiht ergeben die Bilder ein Zeitraffer-Panorama: das Kongresszentrum im frisch verschneiten Morgengrauen. Oder wie es der Künstler betitelt: «Temporary Discomfort IV – Pulver Gut». Diese Bildserie hing sogar schon im Museum of Modern Art. Aber auch im Davoser Kongresszentrum. «Doch als der WEF-Zirkus anrückte, liess der damalige Tourismusdirektor die Bilder abhängen», blickt Spinatsch reumütig zurück und witzelt «...und jetzt wurde das WEF extra verschoben, um meiner neuen Ausstellung aus dem Weg zu gehen». Zu gerne wäre er dabei gewesen, wenn die Manager versehentlich auch durch seine Ausstellung stolpern, auf der Suche nach dem nächstbesten Happening in einem Corporate Showroom.
Statt einer der vielen «WEF-Trittbrett-Fahrer» zu sein, ist Spinatsch nun der Einzige, der den «Geist von Davos» hochhält. Seine Ausstellung auf dem Arkadenplatz wird so zur Zeitmaschine, welche die verrückte WEF-Welt von 2020 mit dem «normalen» Corona-Alltag von heute kollidieren lässt. (pd)