Das Zwiebel-Orakel prophezeit Gewitterstürme und Kugelblitze
Wenn Zwiebeln über das Wetter sprechen, dann ist Matthias Fuchs ganz in seinem Element. Am Heiligabend, um 22 Uhr, war es so weit: Der Wet-terlueger aus Kaltbrunn teilt zwölf Zwiebeln nach einem geheimen Auswahlverfahren auf die zwölf Monate auf und halbiert die Zwiebeln. Ein Zwiebelring pro Monat landet während fünf bis sechs Stunden in einer Beize und der Ausschuss in einer währschaften Böllesuppe.
«Heiligabend ist eine magische Nacht und die Zwiebel ein uraltes Gemüse, das Gesundheit bringt und viel über die Zukunft aussagen kann», sagt Matthias Fuchs. Der 61-Jährige arbeitet bei der Logistikbasis der Armee (LBA) in Walde und hat vor 25 Jahren die Kunst des Wetterluegens erlernt: Eine alte Frau vom Ricken hat ihn damals in das Mysterium des Zwiebeldeutens eingeführt. «Diese Tradition ist über 120 Jahre alt und geht zurück auf eine Zeit, als die Bauern noch kein Radio hatten, um dank des Wetterberichts zu erfahren, ob Heuen angesagt ist oder nicht», berichtet Fuchs.
Das Ritual bleibt geheim
Am Weihnachtstag findet die Wettereröffnung statt: Fuchs bestimmt anhand der Zwiebelringe den Witterungsverlauf des kommenden Jahres. Die Ersten, die seine Prognosen erfahren, sind die Mitglieder des Wetterluegerclubs, allesamt Männer aus dem Heimwehlöschzug der Feuerwehr Kaltbrunn. Diese helfen Fuchs beim Setzen der Zwiebeln an einem Aprilabend, nach 18 Uhr und in einer bestimmten Ausrichtung zur Sonne, sowie beim Ernten der Zwiebeln Ende Juli. Wo sich das Beet mit den Zwiebeln genau befindet, das irgendwo in der Linthebene liegt, will der Wetterlueger nicht verraten. Auch wie das Ritual genau funktioniert, bleibt streng geheim. «Nur meine Tochter habe ich in das Geheimnis des Wetterluegens eingeweiht», erzählt Fuchs: Sie wird eines Tages ihrem Vater als Wetterluegerin nachfolgen.
Pech gehabt mit der 2018-Prognose
Zwei der Clubmitglieder sind sogenannte Hinderschilueger: Während nämlich Fuchs das Wetter voraussagt, also in die Zukunft schaut, sind diese beiden Männer dafür verantwortlich, die Prognosen von Fuchs rückwirkend auf ihre Richtigkeit zu überprüfen und mit einem Punktesystem zu benoten. Beim Jahr 2018 lag Fuchs ziemlich daneben: Er hat weder die grosse Hitze noch die lange Trockenheit des letzten Jahres vorausgesehen. Dementsprechend hat Fuchs im Schnitt auch nur vier Punkte von maximal zehn möglichen Punkten pro Monat geholt. «Es kann naturgemäss vorkommen, dass ich ganz falsch liege mit meinen Prognosen», konstatiert Fuchs: Es sei aber auch wettermässig ein sehr extremes Jahr gewesen. Im Grossen und Ganzen ist er aber zufrieden mit seiner Treffsicherheit.