Das andere Ich
Janusköpfig geht es für das Davos Festival weiter. Der römische Gott, der zwei Gesichter hatte, schaute nach vorn und gleichzeitig zurück, sieht die Wahrheit und macht gleichzeitig gute Miene zum bösen Spiel. Derart zwiegespalten waren auch die Komponisten, deren Musik im Konzert am Dienstag, 9. August erklingt. Was sie schrieben, passte dem sowjetischen Regime nicht. Aleksandr Mosolow, Bohuslav Martinu galten als nicht konform und mussten dafür um ihr Leben fürchten. Auch Edison Denisow schrieb «zu westlich-avantgardistisch». Vor diesem Hintergrund hört man Andrzej Cieplinskis Interpretation seiner Klarinettensonate noch respektvoller, ein ner-vöses und gleichzeitig aufregendes Werk.
Deep Fake zum Ausprobieren
Als «Anti-Selfie» bezeichnet die Medien-Künstlerin Paulina Zybinska, was das Publikum je eine Stunde vor Konzertbeginn im Kongresszentrum in ihrer immersiven Ausstellung «All the Lives: Faketual Reality» erwartet. Jede und jeder begegnet hier sich selbst, in einer künstlich erzeugten Realität zwischen Idylle und Zukunftsort. Künstliche Intelligenz macht es möglich, aus einfachen Stimmproben und Bildaufnahmen zu errechnen, wie zum Beispiel ein junger Mensch im Alter aussehen könnte. «Viele maschinellen Lern-Algorithmen sind heute fähig, Bilder zu schaffen, die kaum zu unterscheiden sind von unserer wirklichen Imagination», erklärt Zybinska, die «Deep Fakes» an der Zürcher Hochschule der Künste erforscht. «Natürlich kann diese Technologie sehr destruktiv eingesetzt werden.» Gefälschte Videos oder Sprachaufnahmen werden bereits eingesetzt, um reale Personen zu diskreditieren. «Aber mit Hilfe von ‹Machine Learning› werden wir Hilfsmittel erstellen können, die zum Beispiel Menschen mit Hör- oder Seh-Einschränkungen dabei unterstützen, sich in der Welt zu bewegen. Ich bin überzeugt davon, dass auf Künstlicher Intelligenz basierende Tools schon bald als Assistenten der eigenen Kreativität gesehen werden und nicht als deren Zerstörer.» In der Ausstellung begegnet das Publikum kritisch den eigenen Wunschvorstellungen. «Die künstlich erstellten Videos zeigen nicht das Ideal, als das wir uns darstellen wollen, sondern das komplette Gegenteil.» Sie sollen die Besucherinnen und Besucher aufrütteln und zum Nachdenken bringen: Was macht mich eigentlich aus? Und wofür stehe ich?