×

In Chur wird die zweithöchste Menge der Droge Crack konsumiert

Auswertungen der Abwasserdaten haben ergeben, dass Chur zu den Hotspots der Schweizer Drogenszene zählt. So soll zukünftig damit umgegangen werden. 

Romina
Kranz
19.06.24 - 04:30 Uhr
Graubünden
Macht schnell gierig: In der Schweiz sind Herstellung, Handel, Verarbeitung und Kon­sum von Kokain verboten. 
Macht schnell gierig: In der Schweiz sind Herstellung, Handel, Verarbeitung und Kon­sum von Kokain verboten. 
Symbolbild

von Romina Kranz und Carina Melcher

Die Abwasserdaten, die die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht jährlich in Städten Europas erhebt, haben bei der Betriebsleiterin vom Ambulatorium Neumühle in Chur, Margrith Meier, und beim Stadtrat Patrik Degiacomi nicht für Verblüffung gesorgt.

«Da Chur eine der grössten und offenen Drogenszenen der Schweiz hat, korrespondieren leider die Ergebnisse der Abwasserdaten mit dem Eindruck, den wir haben», sagt Degiacomi gegenüber Radio Südostschweiz. Beim Konsum von der Droge Crack ergattert die Stadt Chur den zweiten Platz der Schweizer Städte.  Die jüngsten Entwicklungen im illegalen Drogenkonsum sorgen bei der Eidgenössischen Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (EKSN) für Besorgnis, schreiben sie in einer Medienmitteilung. «Die Situation verschlechtert sich zunehmend und führt zu sozialen und gesundheitlichen Problemen bei den konsumierenden Personen sowie zu einer Belastung des öffentlichen Raums», heisst es in der Mitteilung. 

Das ist die Droge Crack:
«Crack entsteht durch die Mischung und Erhitzung von Kristallen des Kokain­-Hydrochlorids und Backpulver», weiss die Stiftung Sucht Schweiz. Durch das Verbrennen entstehe ein knackendes Geräusch, weshalb die Droge den Namen Crack trägt. 

Eine jahrelange Entwicklung

Schon im Jahr 2017 habe es erste Anzeichen gegeben, dass Kokain wieder vermehrt konsumiert werde, so Meier im Interview mit Radio Südostschweiz. Einen Unterschied zwischen den sozialen Schichten gebe es dabei nicht. «2018 haben wir dann festgestellt, dass wir wieder mehr Patientinnen und Patienten bekommen, die Kokain-positiv sind», sagt Meier. 

Betäubungsmittelgesetz: Kokain untersteht in der Schweiz dem Artikel 19 des Betäubungsmittelgesetzes, welcher Herstellung, Handel, Verarbeitung und Kon­sum dieser Droge und aller Derivate gesetz­lich verbietet.

Auf das Ambulatorium Neumühle habe der Konsum von Kokain und Crack einen sehr grossen Einfluss, betont Meier. «Wir merken, dass Menschen, die sehr lang stabil in der opiaten Behandlung waren, plötzlich mit Crack oder Kokain aus der Reihe tanzen», erklärt die Expertin. Oftmals würden sie dann ihre Arbeit, ihr Zuhause verlieren und sich schwerer in eine Behandlung einbinden lassen. 

Die Drogenentwicklung in Chur:

Zudem haben die Aggression und der Hang zu Beleidigungen zugenommen. «An diesen Punkten merken wir, dass es jahrelang kein Thema war mit Opiatabhängigen», sagt Meier. Jetzt würde diese Problematik in dem beruflichen Alltag der Mitarbeitenden der Psychiatrischen Dienste Graubünden sichtbar werden, aber auch in der Stadt Chur. 

Kokain ist in der Therapie problematischer

Kokain mache enorm gierig, so die Expertin. «Hat man etwas konsumiert, dann muss man schon das Nächste haben», ergänzt Meier. Zudem seien die Menschen weniger zu Behandlungen bereit. Die Therapie von opiatabhängigen Personen sei da anders. «Wir haben schweizweit sehr gute Erfahrungen mit opiatgestützten Behandlungen gemacht, weil man merkt, dass sich opiatabhängige Menschen viel eher in eine Behandlung einbinden lassen», erklärt die Expertin. 

Meier über die Droge Kokain:

«Opioide sind synthetisch hergestellte Substanzen, die eine morphinähnliche Wirkung haben. Das bekannteste halbsynthetische Opioid ist Heroin, das durch einen chemischen Prozess (Acetylierung) aus Morphin hergestellt wird. Weitere vollsynthetische Opioide sind beispielsweise Fentanyl oder Methadon», heisst es auf der Seite «Drugcom.de».

Oftmals seien opiatabhängige Menschen bereit, gewisse Verhaltensweisen anzuschauen und Veränderungen voranzubringen. Dabei sei es wichtig, dass sie alle sechs Stunden ihre Substitution bekämen, damit es nicht zu einem Entzug komme und sie nicht wieder rückfällig werden. 

«Substitution bedeutet Ersatz oder Ersetzung. In der Behandlung Heroinabhängiger ist die Substitution von Heroin mit anderen Opioiden ein gängiges Suchthilfeangebot», schreibt «Drugcom.de».

So geht die Stadt Chur nun vor

«Chur hat jetzt einen ganz wichtigen Schritt gemacht. Und zwar, dass man den Konsumraum angenommen hat», sagt Meier. So könnten sich die konsumierenden Menschen an einem Ort versammeln und besser betreut werden. Zudem werde geschaut, welchen zusätzlichen Beitrag die Stadt Chur leisten könne, so Degiacomi. 

Meier hätte sich gewünscht, dass Chur schon früher auf den Zug aufgesprungen wäre. «Wir haben in Bern bereits in den 90er-Jahren erste Konsumräume eröffnet», sagt sie. 

Keine Änderung über Nacht:

In der Medienmitteilung empfiehlt die EKSN dringende Massnahmen. Dazu zählt: Die Entwicklung neuer und innovativer Behandlungs- und Therapieformen, aber auch Strategien – gegebenenfalls mit kontrollierter Abgabe, um dem Drogenangebot entgegenzuwirken. 

«Chur wäre interessiert, mitzumachen, wenn es ein Pilotprojekt gibt», sagt Degiacomi. Damals habe diese kontrollierte Abgabe die Situation mit dem Heroin zum Positiven verändert. Die Betriebsleiterin des Ambulatoriums Neumühle ist der Meinung, dass sich eine kontrollierte Herausgabe von Kokain schwierig gestalten könnte, und fügt hinzu: «Gerade weil Kokain so gierig macht.» 

Die Zeit, die es in Anspruch nehmen wird:

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Mehr zu Graubünden MEHR
prolitteris