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Graubünden

Chur baggert in der Altstadt – eine Leitung von 1907 muss weg

Die Obere Gasse wird saniert – und das verlangt von allen Beteiligten buchstäblich, um die Ecke zu denken. Zu Besuch auf einer der aussergewöhnlichsten Baustellen Graubündens.
Andri Dürst
heute um 11:00 Uhr

Ein Artikel aus der «Bündner Woche»

Wenn der Polizeikommandant, ein Stadtrat sowie zwei Vertreter der Tiefbaudienste den Schreibenden durch Chur begleiten, muss etwas Spezielles anstehen. Tatsächlich geht es in der Altstadt derzeit etwas unkonventionell zu und her. Denn in diesem Frühjahr begann die Stadt, die Obere Gasse inklusive Werkleitungen zu sanieren. Kein alltägliches Vorhaben, denn die Altstadt stellt die Projektverantwortlichen aufgrund ihrer Lage und Struktur vor so einige Herausforderungen.

Alles in einem

Schaut man den Bauarbeiten einen Moment lang zu, kommt man schnell ins Staunen. Äusserst flink schwenkt der Baggerfahrer die Schaufel seines Gefährts um die Häuserecke. Dann kippt er vorsichtig Aushubmaterial in die Baugrube über die frisch verlegten Werkleitungen. Konkret sind dies Strom und Gas sowie Wasser und Abwasser. Letztere Leitung stammt übrigens noch aus dem Jahr 1907. Neu kommen auch noch Fernwärmeleitungen hinzu. Die lokale Anbieterin, die IBC Energie Wasser Chur, erweitert ihr Netz nämlich auch auf die Altstadt. «Es handelt sich hier um eine koordinierte Baustelle, bei der viele Beteiligte zusammenspannen. Schlussendlich sparen wir so aber Steuergelder, wenn wir die Gasse nur einmal aufreissen müssen und alle neuen Werkleitungen gleichzeitig verlegen und neu anordnen können», stellt Clemens Candrian, Leiter Tiefbau, klar. Was logisch klingt, bedingt aber eine fein austarierte Planung. Denn nicht nur die Koordination der verschiedenen involvierten Stellen ist wichtig, sondern auch die Logistik in der verwinkelten Altstadt mit ihren teils engen Gassen. «Diese Baustelle ist ganz klar eine Herausforderung, aber es ist auch schön, so etwas im Team realisieren zu können», kommentiert der Leiter der Tiefbaudienste, Beat Wildhaber, das laufende Vorhaben.

Abwägen im Vorfeld

Während die Fachleute den Baustellenbetrieb erklären, setzt ein anderer Arbeiter einen Muldenkipper in Bewegung. «Er holt nun auf dem Umschlagplatz am Arcas eine zusätzliche Ladung Aushubmaterial», erklärt Clemens Candrian. Der Fahrer steuert den «Dumper» geschickt durch die Obere Gasse und biegt dann in die Paradiesgasse ein. Auf dem Arcasplatz stellt er sein Fahrzeug neben einer Mulde ab. Aus dieser transferiert er mit einem Kleinbagger Aushubmaterial in seinen Muldenkipper. Dass sich ein solches Materialdepot auf einem der schönsten Plätze von Chur befindet, habe man sich durchaus gut überlegt, meint Stadtrat Simon Gredig: «Wir haben auch geprüft, den Umschlagplatz auf dem Parkplatz Churerhof am Plessurquai einzurichten. Dies hätte aber den Weg zur Oberen Gasse nochmals verlängert. Schlussendlich wären so siebenmal mehr Fahrten vom Depot zur Baustelle nötig gewesen als bei der Lösung mit dem Arcasplatz.» Deshalb ist nun, direkt neben dem Scalära-Geisterbrunnen, ein Bereich mit Gittern abgesperrt. «Hier lagern alle Baumaterialien – von den Betonschächten über Kies bis hin zu den Absperrmaterialien», erklärt Clemens Candrian. Völlig «unangetastet» ist der Arcas momentan ohnehin nicht: Die Bürgergemeinde Chur saniert das «Haus zur Metzg» umfassend.

Neue Standorte, neues Glück

Baustellen und Partys – dies ist nicht unbedingt die beste Kombination. Deshalb wurde auch die Stadtpolizei Chur als Bewilligungsinstanz für Anlässe eng in die Planung miteinbezogen. «Wir mussten mit einigen Veranstaltenden nach neuen Lösungen suchen, etwa beim Schlager-Frühlingsfest», erklärt Polizeikommandant Andrea Deflorin. «Dieses wurde nun für einmal nicht auf dem Arcas, sondern auf dem Theaterplatz durchgeführt.» Das Problem seien übrigens weniger die Partygäste, sondern vielmehr die Behinderung der Bauarbeiten während des Auf- und Abbaus der Feste. «Ebenfalls mussten wir für den monatlichen Gänggalimarkt sowie für den Wochenmarkt neue Flächen finden», ergänzt Andrea Deflorin. Simon Gredig hakt gleich ein und meint: «Anfänglich bestand bei einigen Beteiligten eine gewisse Skepsis gegenüber dem neuen Standort. Doch nun zeigen Rückmeldungen, dass die Verschiebung auch etwas Positives hat und gewisse Marktstände wegen ihrer Neuplatzierung erhöhte Aufmerksamkeit erhalten.»

Durchkommen mit Einschränkungen

Zurück an den Arcas. Neben dem Umschlagplatz ragen zwei schwarze Schläuche aus dem Boden heraus, die an einer Häuserwand in die Höhe führen. «Das sind die provisorischen Leitungen für Wasser und Gas, mit denen die Häuser neben der Baustelle während der Bauphase versorgt werden», meint der Leiter Tiefbaudienst, Beat Wildhaber, dazu.

Diesen Leitungen entlang geht es für die Anwesenden via Paradiesgasse zurück zur eigentlichen Baustelle an der Ecke Obere Gasse/Herrengasse. Dort möchte eine Frau gerade an der Baustellenabsperrung Richtung St. Martinsplatz laufen, wird aber vom Dumper-Fahrer gebeten, kurz zu warten. Denn nun holt sich der Baggerfahrer eine neue Ladung Aushubmaterial und schwenkt deswegen kurz etwas aus. Sobald er seine Schaufel wieder geleert hat, darf die Frau die Engstelle passieren. Schwieriger wird es hingegen für einen Velofahrer, der kurze Zeit später die Baustelle passieren möchte: Die Lücke zwischen Hauswand und Dumper ist zu schmal, um den Drahtesel hindurchschieben zu können. So kehrt er kurzerhand um und sucht sich eine neue Route. Für Zweiradfahrerinnen und -fahrer ist dies weniger ein Problem, mühsamer wird es aber für vierrädrige Fahrzeuge. «Daher auch mein Appell an alle, die mit dem Auto oder Lastwagen in die Altstadt müssen: Achtet auf die Signalisation und vermeidet es, in den Baustellenbereich zu fahren», rät Polizeikommandant Andrea Deflorin.

«Peu à peu»

Kurze Zeit später öffnet sich der Rollladen eines Geschäfts an der Ecke. Es dauert auch nicht lange, bis die erste Kundin über eine provisorische Brücke den Laden betritt. «Dies ist eine weitere Herausforderung der Baustelle: Nämlich, dass wir die Zugänge zu den Ladenlokalen mit kleinen Brücken so gut es geht gewährleisten können», beginnt der Leiter Tiefbau, Clemens Candrian, aufzuzählen. Zudem gelte es, auch Wege für Blaulichtfahrzeuge zu gewährleisten. All diese Anforderungen veranlassten die Verantwortlichen, den diesjährigen Bauabschnitt bis zum St. Martinsplatz in zehn Etappen zu unterteilen. Der Startschuss fiel Anfang April an der soeben beschriebenen Herrengasse. «Der Grund dafür ist, dass sich hier der tiefste Punkt der Kanalisation befindet», erklärt Clemens Candrian. Zusammen mit Beat Wildhaber faltet er einen grossen Bauphasenplan aus: Hier ist zu sehen, welcher Abschnitt wann in Angriff genommen werden soll. Nächstes Jahr ist dann der Abschnitt Praximergasse und Gansplatz dran, auch hier wird der Baustellenbereich in mehrere Etappen unterteilt.

Definitiv Zeit geworden

Doch die Bauarbeiten beinhalten nicht nur Neuerungen im Untergrund. Auch an der Oberfläche werden Unterschiede erkennbar sein. Die bestehende Pflästerung wird durch eine sogenannte «eingesandete Reihenpflästerung aus Gubersteinen» ersetzt, analog zur übrigen Altstadt. Zusätzlich entsteht ein 1,20 Meter breiter Plattenbandstreifen, der ein hindernisfreies Durchkommen ermöglicht. Die neue Pflästerung biete zudem auch noch einen weiteren Vorteil: «Aussen wird es zur Gassenmitte hin ein leichtes Gefälle geben. So wird das Regenwasser künftig zur Gassenmitte hin geleitet und versickert durch die Steine im Erdreich», erklärt der Leiter Tiefbaudienste.

Übrigens wurde in den 1980er-Jahren letztmals in der Oberen Gasse gebaggert. Damals erhielt die alte Abwasserleitung eine Rohr-in-Rohr-Sanierung. Die Leitung ist nun aber definitiv am Ende ihrer Lebensdauer angekommen. Es drohe gar die Gefahr von Rohrbrüchen, wodurch Fäkalien ins Erdreich dringen könnten, warnt Beat Wildhaber. «Deshalb war es nun wirklich höchste Zeit für diese koordinierte Baustelle.»

Historischer Abwasserkanal

Bei den Bauarbeiten an der Oberen Gasse wurden auch Teile eines historischen Abwasserkanals freigelegt. Der Archäologische Dienst Graubünden (ADG) schreibt dazu Folgendes: «Auf dem 1823 erstellten Stadtplan des Feldmessers Peter Hemmi erkennt man, dass die Altstadt von einer Vielzahl offener Bäche und Bächlein durchzogen war, die spätestens seit dem 12. Jahrhundert sukzessive angelegt wurden. Sie brachten, wie etwa der Untertorer Mühlbach, Wasser zu verschiedenen Handwerksbetrieben. Gleichzeitig dienten sie der Abwasserbeseitigung und spendeten Wasser zum Löschen der Brände. Im Jahre 1824 beschloss die Stadt Chur, ein Netz gemauerter, gedeckter Kanäle zur Ableitung der Abwasser, Dachtraufen und Brunnen zu bauen. Seit 1978 konnte der ADG verschiedene Teilstücke dieses gedeckten Kanalsystems dokumentieren. Das Kanalsystem bestand aus einer Reihe von Hauptkanälen. […] Diese gedeckten Kanäle bedeuteten sicher eine Verbesserung gegenüber den offenen Bächen (Geruchsemission), aber auch sie benötigten regelmässige Wartung. Zur Reinigung wurden an verschiedenen Stellen Schächte eingebaut und mittels Schieberkonstruktionen konnte der Wasserfluss unterbrochen werden.» Im Zuge der laufenden Bauarbeiten werden die Überreste dieses Abwasserkanals entfernt.

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