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Graubünden

Büwo Vergessene Bahnlinie im Misox: Mit dem Zug von Graubünden ins Tessin?

Die RhB fuhr einst bis ins Tessin. Die Misoxerbahn verband Mesocco mit Bellinzona und war sogar bis Thusis geplant. Warum aus diesen Plänen nichts wurde und was von der Strecke heute noch übrig ist.
Simon Blatter
heute um 15:30 Uhr

Das ist ein Text aus der «Büwo»

Wie kommen wir ins Tessin? In Graubünden ist das wohl die einfachste Frage, die sich Urlaubsplanende stellen können. Denn die Antwort ist klar: über die A13. Andere Möglichkeiten gibt es abgesehen vom Lukumanierpass nicht wirklich. Wer nicht selbst fahren möchte, steigt ins Postauto, das ebenfalls über die A13 fährt und für die Reise von Chur nach Bellinzona rund zwei Stunden benötigt.

Zum Vergleich: Die öV-Anreise von Zürich nach Bellinzona ist mit einer Stunde und 40 Minuten wesentlich schneller als aus dem näher gelegenen Chur. Die grosse Mehrheit der Bündnerinnen und Bündner verzichtet für die Reise ins Tessin also nur ungern auf den eigenen Wagen.

Und so fahren auch wir auf unserer Reise ins Tessin mit dem Auto durch den San-Bernardino-Tunnel. Unterwegs legen wir in Mesocco einen ersten Halt ein. Hier finden sich nämlich die ersten Spuren einer einst geplanten alternativen Reisemöglichkeit von Graubünden ins Tessin: ein altes, verlotterndes Bahnhofsgebäude mit verschlossenen Türen.  

Als die RhB ins Tessin fuhr

Doch auch wenn die Türen geöffnet wären, würde das Gebäude wohl niemand freiwillig betreten. Zu morsch und verstaubt ist der Anblick von aussen. Auf dem Vorplatz sind noch einige Gleisreste sichtbar und unter dem Vordach des Schuppens lässt sich gut erkennen, dass hier einst Reisende auf den Zug warteten. Was heute ein Lost Place ist, war nämlich bis in die 1970er-Jahre das Tor von Graubünden ins Tessin.

Ab 1907 fuhr die Società Anonima della Ferrovia Elettrica Bellinzona-Mesocco ab hier zur Piazza Mesolcina in Bellinzona. Als sich jedoch die Fahrgastzahlen in den 1930er-Jahren unbefriedigend entwickelten, stellte der Bundesrat eine Bedingung: Weitere finanzielle Hilfe gab es nur, wenn das Unternehmen mit der Rhätischen Bahn fusionierte. Dies geschah auch und fortan war die RhB also auch im Misox tätig. Die Bahnlinie durchs Misox hatte dasselbe Stromsystem wie die Arosabahn und so kam es hin und wieder vor, dass Triebwagen der Arosabahn im Sommer im Misox zum Einsatz kamen.

Nicht ganz einfach war der Transport dorthin: Da die Misoxerbahn vom Rest des RhB-Netzes abgetrennt war, mussten die Wagen in Landquart für den Transport via Zürich und den Gotthard ins Tessin auf SBB-Wagen verladen werden. 

Grosse Pläne im Misox 

Auch wenn das Misox zu Graubünden gehört, so ist das Südtal kulturell und wirtschaftlich eher aufs Tessin ausgerichtet, weshalb eine gute Anbindung ans Tessind prioritär war. Doch auch eine Verbindung mit dem Rest Graubündens war geplant: Der Bahnbetrieb im Misox entwickelte sich erfolgreich, und nach dem Zweiten Weltkrieg stiegen die Fahrgastzahlen an. Dies liess die RhB grosse Pläne schmieden. Ziel war, die Misoxerbahn von Mesocco über den San-Bernardino-Pass zu verlängern und in Thusis ans bestehende RhB-Netz anzuschliessen.

Damit wäre zusätzlich zur Strasse eine weitere Verbindung von Graubünden ins Tessin entstanden. Allerdings entstand in den 1960er-Jahren der Autobahn-Boom und die Politik entschied sich, statt weiterer Investitionen in die Bahn die A13 als wintersichere Nord-Süd-Verbindung mit einem Tunnel durch den San Bernardino auszubauen.

Den Strassenplanern erschien die Bahn beim Bau der A13 als Hindernis, sodass 1966 erstmals diskutiert wurde, den Bahnbetrieb aufzugeben. Doch davon liess sich die RhB nicht beirren und bestellte noch im selben Jahr neues Rollmaterial für die Misoxerbahn und hielt am weiteren Ausbau der Bahn fest.

Ein Expertenbericht kam zudem 1967 zum Schluss, dass es zweckmässig sei, die Bahn zu erhalten. Politisch wurde das aber überstimmt: Da dieser Bericht dem zuständigen Bundesrat Rudolph Gnägi missfiel, wurde ein zweiter Bericht in Auftrag gegeben, und die bestellten Wagen gingen stattdessen an die Arosabahn.

1969 wurde die Einstellung des Personenverkehrs durch den Bund angeordnet. Die genauen Gründe für die Einstellung der Bahn bleiben bis heute unklar. Die Antwort auf die Frage, warum der Expertenbericht dem damaligen Verkehrsminister missfiel, lässt sich durch eine Recherche der «Büwo» nicht herausfinden. Nach einem schweren Unwetter im Sommer 1978 wurde der obere Teil der Strecke stillgelegt, während die Bahn im vorderen Misox noch bis 2003 vom Güterverkehr genutzt und bis 2013 als «Ferrovia Mesolcinese» als Museumsbahn betrieben wurde.

Bei einer Neugestaltung des Dorfzentrums in Roveredo war das Bahntrassee im Weg, sodass auch die Museumsbahn weichen musste.  

Die einstige Bahnlinie heute

So wird heute das gesamte Bahntrassee anderweitig genutzt, Spuren der Eisenbahn sind jedoch überall sichtbar. Der alte Bahnhof in Leggia etwa ist heute ein privates Wohnhaus, erinnert optisch aber noch stark an seine ehemalige Funktion als Bahnhof. Auf dem Gelände der Gleisbaufirma Fratelli Censi SA in Grono ist zudem noch ein Triebwagen der ehemaligen Museumsbahn zu sehen.

Während sich alle diese Plätze noch in Graubünden befinden, beginnt das Tessin erst kurz vor Bellinzona, genauer gesagt in der Gemeinde Lumino. Als Fuss- und Radweg dient hier der ehemalige Bahndamm weiterhin der Fortbewegung, und so entdecken wir doch noch eine Alternative zur A13, um das Tessin zu erreichen. Anders als auf der Autobahn ist das Überschreiten der Grenze auf diesem Weg deutlich sichtbar.

Während der Asphalt auf der Bündner Seite die gewohnte Strassenfarbe hat, wechselt die Farbe im Tessin auf Rot. Der Übergang von Grau zu Rot befindet sich exakt auf der Grenze, wo wir zwei Mitarbeitende aus dem Kanton Tessin antreffen, die Messungen durchführen.

Was genau gibt es denn an der Grenze zwischen dem Tessin und Graubünden auszumessen? Die Italienischkenntnisse der beiden reisenden Journalisten reichen zwar aus, um diese Frage zu stellen, nicht aber, um die doch ausführlich anmutende Antwort zu verstehen. Anders als im ausländischen Südtirol besteht im nahen Tessin also nicht nur eine Grenze, sondern auch eine Sprachbarriere.  

Bald mit dem Zug ins Tessin? 

Vielleicht auch deshalb ist die Region so beliebt als Ferienziel. Trotz kurzer Anreise fühlt man sich etwas wie im Ausland. Wäre es denn sinnvoll, diese Anreise noch kürzer und bequemer zu gestalten? Die Realisierung der Bernhardinbahn über den San-Bernardino-Pass, wie in den 1960er-Jahren geplant, würde die Reise sicherlich nicht beschleunigen. Interessanter wäre wohl der Bau eines Eisenbahntunnels.

Doch ist dies realistisch? Die Kosten einer solchen weiteren Alpentransversale neben Gotthard und Lötschberg würden beim ernsthaften Weiterverfolgen der Idee zweifellos zu Diskussionen führen. Und so bleibt in den Sommerferien oder an langen Wochenenden der Stau auf der A13 die einzige Möglichkeit, die Sonnenstube der Schweiz zu erreichen, und eine effiziente Bahnverbindung bleibt für längere Zeit Wunschdenken.

Hätte, hätte, Fahrradkette: Eine Reaktivierung der Bahnstrecke im Misox würde die Misoxer Bevölkerung wohl auch ihren beliebten Radweg vermissen lassen.  

Mehr zum Thema: Rhätische Bahn, Verkehr, Misox