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Graubünden

Bündner mit schweren Brandverletzungen: «Es ist ein harter Weg, aber Heilung ist möglich»

Seine Haut war zu 65 Prozent verbrannt und er hat nach langem Leidensweg auf der Intensivstation überlebt: Dieser Bündner möchte allen Brandverletzten von Crans-Montana und deren Familien Mut machen.
Nicole Nett
08.01.2026, 19:00 Uhr
gestern um 12:16 Uhr

Dass Rico* aus der Bündner Herrschaft noch lebt, ist ein Wunder. Bei einem Unfall vor zehn Jahren geriet er für nur wenige Sekunden in Flammen. Dies reichte bereits, dass 65 Prozent seiner Haut komplett und in allen Schichten mit vielen Nerven verbrannte. Als das passierte, war er bereits bewusstlos und kann sich heute an nichts mehr erinnern.

Zutiefst betroffen schauen er und seine Frau auf die verheerende Brandkatastrophe in Crans-Montana. «Wir sind schockiert. Jeden Tag leiden wir mit den Opfern und deren Angehörigen mit.» Kaum jemand kann so gut nachvollziehen wie Rico, wie es den Brandverletzten derzeit geht und was noch alles auf sie zukommt. Er selbst war mehr als 15 Monate weg von zu Hause – über lange Zeit auf der Intensivstation im Universitätsspital Zürich, wo er über Monate in Lebensgefahr schwebte und später in Rehakliniken. Trotz seines langen Leidenswegs möchte er jetzt den Verletzten von Crans-Montana und deren Familien Mut machen.

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Jeden Tag leiden wir mit den Brandopfern von Crans-Montana und deren Angehörigen mit.»

Rico*, hat einen langen Leidensweg hinter sich

Den Spezialisten vertrauen und kämpfen

Rico wurde mehrmals operiert, musste viel Haut transplantieren lassen und lag einige Monate im Koma. «Einmal war ich sogar auf der Kippe zwischen Leben und Tod. Ich war bereits auf der anderen Seite», erzählt er. Die Nahtoderfahrung sei so gewesen, wie wenn man einem Staubsauger den Stecker ziehe. Plötzlich kam er aber wieder zurück. Zurück ins echte Leben. Manchmal habe er auf der Intensivstation etwas gehört und auch gespürt, dass ihn seine Familie besuchte – auch wenn er nicht ansprechbar gewesen sei. Und der Zusammenhalt sei in diesen schweren Zeiten das Wichtigste gewesen.

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Die Spezialisten geben alles, damit die Genesung möglichst schmerzfrei geschieht.»

Rico*, Brandverletzter aus Graubünden

Ebenso essenziell sei das Vertrauen in die Medizin: «Die Spezialisten geben alles, damit die Genesung möglichst schmerzfrei geschieht. Man muss immer mitmachen, kämpfen und nie die Hoffnung verlieren – auch wenn es eine Gratwanderung ist», so der heute 62-Jährige. Er sei in Zürich bestens aufgehoben gewesen. «Die retteten mir dort das Leben.» Schmerzen habe er durch die vielen Medikamente selten verspürt. Die Frage «Warum genau ich?» habe er sich auch schon gestellt, und trotzdem nütze das nichts. «Es ist, wie es ist. Nach Rückschlägen werden auch bei den Crans-Montana-Opfern Erfolgserlebnisse kommen.» Und dabei helfe positives Denken und immer der Blick nach vorne, niemals zurück.

Familienangehörige leiden mit

Nicht nur für Rico, sondern auch für seine Familie waren die vergangenen zehn Jahre sehr emotional. Seine Frau reiste praktisch jeden Tag nach Zürich, um ihren Mann in seinem kritischen Zustand zu besuchen. «Ich wusste ja nie, ob er morgen noch leben wird», sagt sie.

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Ich wusste nie, ob mein Mann morgen noch leben wird.»

Frau von Bündner Brandverletztem

Als Rico dann endlich wieder nach Hause durfte, ging es erst richtig los mit Pflege, Verbandswechseln und Eincremen. Auch die Spitex kam zur Hilfe. Doch mit viel Willen schaffte es die Familie, einen normalen Alltag zu führen.

So bewältigt Rico heute den Alltag

Als ehemaliger Feuerwehrkommandant hat Rico trotz seines Brandunfalls bis heute keine Angst vor Feuer. Früher hat er mehrere Brände gelöscht. Heute grilliert er liebend gerne auf offenem Feuer. Auch mäht er den Rasen, geht aufs Maiensäss und hilft im Haushalt mit. Nur arbeiten kann Rico leider nicht mehr, und auch stundenlange Wanderungen kann er nicht bewältigen. Denn Teile seiner Haut können nicht schwitzen, es spannt und er fühlt sich manchmal wie in einem Panzer gefangen. Auch der Blick in den Spiegel fällt ihm bis heute nicht immer leicht. Seine Feinmotorik ist und bleibt eingeschränkt. Aber was ihm trotz Einschränkungen viel Freiheit gibt, ist die Autoprüfung, die er nach dem Unfall nochmals ablegen musste.

Wunden heilen nie, aber der Umgang damit ist möglich

Vor seinem Unfall stand Rico mitten im Leben, widmete sich intensiv seinem Geschäft und seinen Hobbys. Wie ein Kleinkind musste er danach jahrelang alles von vorn lernen. Heute erfreut sich Rico an den kleinen Dingen des Lebens. Und das rät er allen, ob verletzt oder nicht: «Wer einmal so etwas durchgemacht hat, lernt auch Banalitäten zu schätzen.» Was nach diesem langen Prozess bis heute bleibt, sind die Wunden am ganzen Körper. «Aber das Leben geht mit Handicap weiter.»

*vollständiger Name der Redaktion bekannt