Die «Langbeinigen» – Kunst in der Churer Altstadt
von Susanne Turra
Die Figuren sind lang und schlank. Elegant und erhaben. Und derzeit in den Schaufenstern der Drogerie am Martinsplatz und von «Fred Optiker» zu sehen. Die Kunstinstallation von Claudio Caprez zeigt Wolf, Steinbock und Hirsch. Und sie heisst «Vivendo Insieme». Bis Mitte April ist die tierische Kunst am Martinsplatz noch zu sehen. Dann werden die «Langbeinigen», wie der Bündner Künstler seine Skulpturen nennt, wieder ins Atelier nach Sils im Domleschg ziehen. Und in die Schaufenster wird eine andere Deko Einzug halten. Doch zurück ins Hier und Jetzt.
Ein bisschen in die Länge gewachsen
Es ist Mitte Februar. Die Glocken des Martinsturms schlagen Neun. Claudio Caprez kommt um die Ecke. In der Hand eine von ihm gefertigte Steinbock-Figur. Einen «Langbeinigen». «In den letzten Jahren sind meine Skulpturen ein bisschen in die Länge gewachsen», erklärt der Künstler und schmunzelt. Kürzlich hat eine Frau einen Steinbock aus dem Schaufenster erworben. Jetzt wird die Skulptur reserviert und ausgetauscht. Nun steht der Künstler vor dem Schaufenster und betrachtet die neue Figur. «Steht sie gerade?», fragt er mit kritischem Blick. Nicht bolzengerade. Aber gerade genug, finden Journalistin und Fotografin. Wie auch immer. Es ist alles eine Frage des Betrachtens. Und äusserst individuell. «Auch die Bündnerinnen und Bündner sind nicht alle so geradlinig», findet Claudio Caprez und lacht. «Da gibt es schon auch schräge Vögel darunter.» Da hat er wohl recht.
Doch darum geht es bei der Kunstinstallation letztendlich nicht. Die Botschaft ist eine andere. Es geht um das konstruktive Zusammenleben. Um Toleranz und Respekt. Die Tiere machen es vor. Hirsch, Steinbock und Wolf. Drei Tiere, die nebeneinander leben. Und alle haben sie einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft. Der Hirsch ist ein Wildtier. Und der Wolf polarisiert. Der Steinbock aber, der ist ein Wappentier. Ein Bündner. Und so hat der Wolf einen schweren Stand. Zwischen dem Hirsch und dem Steinbock findet er aber dennoch Platz. Und das möchte der Künstler mit seiner Installation auch den Menschen weitergeben. Ihnen ans Herz legen. Gesagt, getan. Der Künstler schreibt in der Altstadt ein paar Läden an. Und so kommt es zum Projekt. «Kunst muss unter die Leute», betont Claudio Caprez. «Sie muss sichtbar sein. Und den Menschen zugänglich gemacht werden.»
So oder so. Claudio Caprez hat sich zeitlebens der Kunst verschrieben. «Ich habe als Kind immer schon gezeichnet und gemalt», verrät er später bei einem Kaffee im Café «Martinsplatz». Seine Augen blicken neugierig durch die runde Brille. Sein Hemd ist kunterbunt. Sein Haar schneeweiss.
Mit offenen Augen durchs Leben
Der Künstler geht mit offenen Augen durchs Leben. Da kommen ihm ständig Ideen. Auch nachts. Er macht Notizen und Skizzen. Und irgendwann wird es verwirklicht. Das eine oder andere. Die Liste seiner Arbeiten ist lang. Von den «Langbeinigen» über das «Huhn aus Kies», «Anarosa» und «Imuna Viamala» geht es weit zurück bis zu Gipsfiguren des Bundesrats und dem «Blocherli» aus Kunststoffschaum. Letztere zeigen seinen Sinn für Humor. Für Karikatur. Ein Teil seines künstlerischen Schaffens und Lebens. Die Dinge mit einem Augenzwinkern sehen. Und sich selber nicht zu ernst nehmen. Das ist Claudio Caprez. Wie auch immer. Er malt, er töpfert, er fertigt Skulpturen. Früher in Bonaduz, später in Chur. Und mittlerweile in Sils im Domleschg. «Kunst ist eine Leidenschaft. Fast schon ein Tick», so Claudio Caprez. «Eine Therapie. Etwas, das mich stützt. Und meinem Leben Inhalt gibt.»
Claudio Caprez ist kein gelernter Künstler. «Ich habe eine technische Ausbildung als Maschinenzeichner in der ‹Ems Chemie› gemacht», erzählt er. «Später habe ich als wissenschaftlicher Zeichner in der Archäologie gearbeitet.» Heute lebt der 60-Jährige von seiner Kunst. «Ich bin berufsmässig als Künstler unterwegs», bestätigt er. «Und wenn den Menschen gewisse Dinge gefallen, dann bin ich gefällig.» Und so wird seine Kunst zwischendurch zum Handwerk. Immer wieder fertigt er aber auch Dinge, die ihm persönlich am Herzen liegen. Das eine finanziert das andere. «Ich bin vielleicht nicht so vernetzt in der Kunstszene. Aber ich bin gut positioniert. Ich mache meinen Weg. Ich bin ich», gibt der Künstler zu verstehen. Und: «Wir leben in einer materiellen Welt. Wenn jemand mein Kunstwerk kauft, ist das eine Anerkennung.»
Sand aus der Nolla beigemischt
Und die «Langbeinigen»? «Ich bin viel mit unserem Labrador in der Natur unterwegs», holt der Künstler ein bisschen aus. «In der Nolla, den Bergen und an den Flüssen halte ich nach Steinen und Sand Ausschau. Und das versuche ich dann, in
meine Werke zu integrieren.» Und so ist auch den «Langbeinigen» Sand aus der Nolla beigemischt. Einem der gefürchtetsten Wildbäche der Schweiz, übrigens. Gepaart mit Epoxidharz, Verdickungsmittel und Farbpigment ergibt das eine spachtelbare Masse. Die wird später hart und ist damit witterungsbeständig. Der Kern der Tiere ist aus Sagex, einer gelben Schaummasse. Der Künstler formt die Tiere, schneidet sie aus und umwickelt sie mit Kunststoffschnur. Dann wird das Ganze mit der Spachtelmasse verarbeitet. «Das Material lässt sehr viele Formen und Möglichkeiten zu», so der Künstler. «Und es ist extrem stabil.» Vor allem aber steckt in den Skulpturen Leidenschaft, Freude und Erfüllung. «Das macht den Menschen aus. Emotionen zu entwickeln. Und dort beginnt es auch», schliesst Claudio Caprez. Die Glocken des Martinsturms schlagen Zehn.
«Kunsthalle an der Albula»
Claudio Caprez und Priska Schwab, Sils im Domleschg. Informationen unter www.claudiocaprez.com.