Im mittleren Prättigau liegen die Ortschaften der Gemeinde Luzein weit verstreut: Pany, Luzein, St. Antönien, Buchen, Putz, Lunden, Dalvazza, Gadenstätt und Ascharina. An sich nichts Aussergewöhnliches. Wenn aber alle diese kleinen, auf weiten Wegen liegenden Ortschaften von einem einzigen Werkdienst betreut und sauber gehalten werden, dann ist das schon etwas Spezielles. Und nicht immer ganz einfach. Wir wollen sehen, wie die Abfallbewirtschaftung auf weiter Flur funktioniert. Zeit für einen Besuch vor Ort.
«Wenn es ruft, dann rennen wir»
Es ist Dienstagmorgen, der letzte im September. Und schon die Anfahrt nach Pany zeigt: Die Gemeinde Luzein ist sauber. Vor dem Werkhof wartet Werkmeister Johannes Willi. Seit 35 Jahren steht er in den Diensten der Gemeinde Luzein. «Wir sind ein bisschen wie die Feuerwehr», erzählt er gleich zu Beginn. «Wenn es ruft, dann rennen wir.»
Zum Aufgabenbereich des Werkdienstes Luzein gehört in der Tat einiges: Abfallbeseitigung, Gemeindestrassen, Kanalisationen, Liegenschaften, Parkplätze, Schneeräumung, Spielplätze, Wanderwege oder Wasserkraftwerk Schanielabach. Um nur einzelne Aufgaben beim Namen zu nennen. Und wer bewältigt das alles? «Im Sommer sind es sechs und im Winter vier Mitarbeitende», sagt Martin Küng, Vizepräsident des Gemeindevorstandes Luzein. Er hat das Departement Verkehr, Umweltschutz und Raumordnung unter sich.
«Wir haben in der Gemeinde aber einen klaren Grundsatz», so der Gemeinderat weiter. «Wir konkurrenzieren kein Privatunternehmen.» Das heisst, der Werkdienst Luzein macht vieles selbst, aber nicht alles.
Bevorzugt oder benachteiligt?
«Wir sind gut eingerichtet», findet indessen Johannes Willi. Und gut eingespielt? «Mehr oder weniger», relativiert Martin Küng und lacht. «Wir fahren zwei Schienen. Diejenige der Ausführenden und diejenige der Politik.» Theorie und Praxis sind aber bekanntlich zwei Paar Schuhe. Und so brauchen gewisse Dinge im Vorfeld eine Abklärung mit Johannes Willi, bevor sie in den Gemeindevorstand gebracht und nach aussen getragen werden.
«In all den Jahren habe ich ein sehr gutes Einvernehmen mit dem Gemeinderat gehabt. Ich bin immer konstruktiv unterstützt worden», betont Johannes Willi dazu. «Dass nicht alles nach meinem Kopf gehen kann, leuchtet mir ein», sagt er und lacht. Eine Knacknuss ist und bleibt die Gleichbehandlung. Bei so vielen verstreuten Orten kann es diese eigentlich gar nicht geben. Trotzdem. Immer wieder stellt sich die Frage: Welche Ortschaften werden bevorzugt und welche benachteiligt? «Dass der St. Antönier gleichberechtigt ist wie die Dalvazzerin», so Martin Küng. «Das ist unsere Herausforderung.» Denn Pany und St. Antönien mit ihren Wanderwegen und Loipen geben natürlich mehr Arbeit als Dalvazza, das hauptsächlich über Industrie verfügt. Und so sind eben die Mitarbeitenden des Werkdienstes auch nicht überall gleich sichtbar. Was manchmal in der Bevölkerung zu Missmut führen kann.
Tonnenweise Abfall
Und die Abfallbewirtschaftung? Dazu gleich ein paar Zahlen: Im Jahr 2025 gab es von 1710 Einwohnerinnen und Einwohnern der Gemeinde Luzein 288 Tonnen Haushaltkehricht, 2,1 Tonnen Alu/Weissblech, 39 Tonnen Karton, 45 Tonnen Altpapier und 60 Tonnen Altglas zu entsorgen. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 waren es bei 1580 Einwohnerinnen und Einwohnern 253 Tonnen Haushaltkehricht, 1,5 Tonnen Alu/Weissblech, 23 Tonnen Karton, 72 Tonnen Altpapier und 48 Tonnen Altglas.
Innerhalb rund zehn Jahren haben die Werte stets zugenommen. Nicht so beim Altpapier. Diese Position hat massiv abgenommen. Was der Digitalisierung geschuldet ist. So oder so. Abfall gibt es überall. Aber nicht überall gleich viel. Zumindest nicht in der Gemeinde Luzein.
«Ich erstelle mit meinem Stellvertreter jeweils ein Wochenprogramm», erzählt Johannes Willi. «Wir kommen mit Inputs, schauen das Wetter an und müssen uns oft auch einfach überraschen lassen.» Bei Bestattungen, Littering, Trinkwasser und technischen Störungen, beispielsweise.
Nerven und Geduld
«Ich versuche, meine Bürozeiten schlank zu halten und praxisbezogen mitzuarbeiten», so der Werkmeister. «Dabei bin ich auf mein Team angewiesen, dass sie mitdenken und mich auf Missstände oder anfallende Arbeiten aufmerksam machen.»
In dieser Hinsicht ist natürlich auch die Bevölkerung gefordert. Und manchmal brauche es auch ein bisschen Nerven und Geduld, gibt Johannes Willi zu. Dann, wenn er beispielsweise am Schneeräumen sei, und jemand komme mit einem kleinen Anliegen, das für ihn nicht so wichtig erscheine. Für die reklamierende Person ist es das aber schon. «Deshalb versuche ich, auch diese Anliegen so rasch wie möglich zu erledigen», so der Werkmeister. «Die Einwohnerinnen und Einwohner fühlen sich dann verstanden und ernst genommen.» Und das sei sehr wichtig.
Keine Annahmezeiten
Und wo wird gesammelt und entsorgt? Die Gemeinde Luzein verfügt über 15 Sammelstellen für Hauskehricht, drei Standorte für Grüngut, einen Standort für Neophyten, einen Standort für Karton, einen Standort für Altpapier, zwei Standorte für Altkleider, drei Standorte für Büchsen, vier Standorte für Altglas und vier Standorte für Speiseöl.
Spezifischer Abfall wie Alteisen oder Batterien kann bei der Fitschi Recycling AG in Saas oder der Guyan AG in Schiers entsorgt werden. PET wird zudem in den Volg-Läden der Gemeinde Luzein gesammelt. «Das ist eine gute Lösung», ist Johannes Willi überzeugt. «Für viele, die zur Arbeit fahren, liegen diese Orte auf dem Weg.» Weiter gibt es in der Gemeinde Luzein keine Annahmezeiten. «Bei uns kann durchgehend entsorgt werden», betont der Werkmeister. Und das kostenlos. Bis auf die grauen Gebührensäcke. Die können in den Dorfläden gekauft werden.
50 Robidog-Behälter
Und dann sind da noch die Robidog-Behälter. 50 an der Zahl. Rund acht bis neun Tonnen Hundekot werden in der Gemeinde Luzein jährlich entsorgt. Wer die Behälter leeren muss, legt einige Kilometer zurück. Und für die Einwohnerinnen und Einwohner heisst es, unbedingt die Augen offenhalten. Oftmals liegen die Hundesäckli am Strassenrand am Boden. Was teils wieder zu erzürnten Anrufen aus der Bevölkerung führt. Auch hier wäre durchaus ein bisschen mehr Disziplin gefragt.
Und wie ist es mit dem Altpapier und dem Karton? «Das wurde jahrzehntelang im Schulhaus St. Antönien gesammelt, eingelagert und zweimal jährlich abgeholt», so der Werkmeister. Seit dem Brandunglück in Crans Montana ist damit jetzt aber Schluss. Hochbrennbares Material darf nicht mehr so gelagert werden. Der Bescheid ist Mitte Sommer bei der Gemeinde eingegangen. Und nun braucht es neue Ideen für die Entsorgung.
Neuerungen sind aber auch immer wieder schwierig für die Bevölkerung. Demnächst wird wieder eine anfallen. Im Moment dürfen Abfallsäcke am Strassenrand noch deponiert werden und die Kehrichtabfuhr nimmt diese auch mit.
Das wird sich aber ändern. So wird künftig nur mehr an öffentlichen oder an den von der Gemeinde signalisierten Standorten mitgenommen. Da ist der Werkmeister auf das Verständnis der Bevölkerung angewiesen. Wenn die Säcke dann am Strassenrand liegen bleiben, müssen sie vom Werkdienst Luzein entsorgt werden. Was zu Kosten für die Allgemeinheit führen würde. Das ist bei einem Vergehen immer so. Ausser, der Sünder oder die Sünderin werden gefunden. Dann müssen sie die Rechnung bezahlen. Das gilt auch für diejenigen, die schwarze Kehrichtsäcke statt graue Gebührensäcke in den Container werfen.
Die Wohnung geräumt
Apropos. Welche Sünden werden bei der Abfallentsorgung sonst noch begangen? «In den 35 Jahren, in denen ich hier bin, habe ich nur ein einziges Mal richtiges Littering erlebt», verrät Johannes Willi. «Vor etwa vier Jahren hat jemand vor dem Grüngutcontainer rund vier Kubikmeter Sperrgut entsorgt. Der hat vermutlich eine ganze Wohnung geräumt.» Bei dieser Geschichte muss der Werkmeister heute noch schmunzeln. Nun denn. «Wir haben den Sünder gefunden», betont er nicht ohne Stolz.
Nichtsdestotrotz. Im Gemeindevorstand werden zunehmend Stimmen laut, die das ganze Abfallsystem in der Gemeinde Luzein zentralisieren möchten. Alles an einen Standort nehmen? Das dürfte vermutlich schon am Platz scheitern. «Unser System funktioniert gut, solange sich die Leute an die Regeln halten», betont Werkmeister Willi.
In der freien Natur
«Wir können wirklich nicht jammern», bestätigt auch Gemeinderat Küng. «Zurzeit funktioniert es super so. Und da möchte ich auch gleich der Bevölkerung ein Kränzchen winden und danke sagen.» Danke sagen übrigens auch viele Menschen, die auf den gesäuberten Wanderwegen unterwegs sind. Über diese Wertschätzung freut sich Johannes Willi. Und was ist das Schönste an seiner Arbeit? «Die Abwechslung», sagt er. «Und der Arbeitsort in der freien Natur.»