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Eine Pionierleistung im Kanton Glarus: überbetriebliche Kurse für Lehrlinge

Die Metall-, Elektro- und Maschinenbauindustrie hat für den Kanton Glarus herausragende Bedeutung. Die Ausbildung als zentraler Erfolgsfaktor machte vor 50 Jahren einen wichtigen Schritt in die Zukunft.
27.05.2025, 04:30 Uhr
gestern um 16:19 Uhr

von Swantje Kammerecker

Der Maschinenbau ist eine ausgesprochene facettenreiche Hightech-Branche. Von Wohnen und Mobilität über Ernährung bis hin zu Gesundheit und Sicherheit beeinflusst sie alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche. Im Mai 2025 jährte sich die Gründung des Glarner Zweckverbands (GZB) für die Berufsbildung der MEM-Berufe zum 50. Mal. Hinter der unauffälligen Fassade des Berufsbildungszentrums in Ziegelbrücke, in den Räumen der üK (überbetrieblichen Kurse) wurde für einmal ausgiebig gefeiert – und die Zukunft bestaunt. 

Seit 1975 haben hier tausende von Lernenden ihre praktische Ausbildung absolviert – von den handwerklichen Basics wie Bohren, Ausrichten, Reiben und Verstiften bis hin zur Bedienung hochkomplexer CNC-Maschinen. Herzstück der heiligen Hallen sind die jeweils total sechs CNC-Fräs-, fünf Drehmaschinen und sechs Präzisionsbohrmaschinen. Kürzlich hat hier die Klasse der Zweit-Lehrjahr-Polymechaniker die für ihre LAP wichtige Teilprüfung abgeschlossen, ein zweitägiger Marathon mit insgesamt zwölf Stunden Arbeit an den Maschinen (siehe unten).

«Dritte Säule» der beruflichen Bildung

Nebst der Ausbildung in Berufsschule und Lehrbetrieb wurden als drittes Standbein die üK («überbetrieblichen Kurse») obligatorisch im Schweizerischen Berufsbildungsgesetz verankert. Das Ziel: Eine standardisierte Grundausbildung gewährleisten, Lücken schliessen, wo Inhalte wegen fehlender Infrastruktur nicht angeboten werden können, und die Lehrbetriebe unterstützen. «Im Kanton Glarus, immer noch am zweitstärksten industrialisierter Kanton in der Schweiz, wurde die Bedeutung hochqualifizierter Ausbildung früh erkannt. Unsere Betriebe sind schliesslich auf Hightech- und Präzisionsprodukte spezialisiert, die im Weltmarkt mithalten», erklärt Ausbildungsleiter Dave Gutzwiller.

Den zielstrebigen Aufbau der üK durch den 1975 gegründeten Verband bezeichnet er als Pionierleistung im Kanton Glarus – er erhielt als erster Schweizer Kanton die Zertifizierung nach ISO 9001. «Die Standortwahl in Ziegelbrücke war visionär – üK in der Berufsfachschule zu integrieren, wodurch Lernortkooperation aktiv gelebt werden kann, dazu beste Anbindung an den ÖV. Der Standort profitiert bis heute durch weitreichende Synergien, die sich mit der expandierenden Berufsschule entwickelten», blickt Thys Luchsinger, langjähriger Präsident GZB, zurück. Geschätzt wird auch die enge Zusammenarbeit mit den Lehrbetrieben, die regelmässig von den üK-Ausbildnern besucht werden.

«Das Haar sechsmal spalten»

Für Dave Gutzwiller, der seit 1992 unterrichtet, ab 2000 als Leiter die üK organisiert und durchführt, ist jede und jeder einzelne Lernende wichtig. Fördern und Fordern – diesem Prinzip lebt er mit Leidenschaft nach. «Bereits als Oberstift in der Netstal Maschinenfabrik hat mich die Freude am Vermitteln gepackt, so machte ich später noch die pädagogische Ausbildung und die eidgenössische Meisterprüfung.» Wie auch Thys Luchsinger und Ruedi Tresch strahlt er das Flair für ein faszinierendes Berufsfeld aus und kann diese Begeisterung auch im Nachwuchs wecken. «Es ist der Stolz des Maschinenbauers, Unikate mit höchster Präzision herzustellen.» Dabei geht es, wie im Hochleistungssport, um Hundertstel – in diesem Fall nicht Sekunden, sondern Millimeter: «Das Haar sechsmal im Durchmesser spalten!»

Dieser herausfordernden Aufgabe sind sich die Polymechaniker-Lehrlinge bewusst, welche im Vorbereitungskurs den Feinschliff vor ihrer grossen Teilprüfung Ende zweites Lehrjahr erhalten. Deren Note zählt bereits 25 Prozent für den Abschluss. Sie haben ab Ausbildungsbeginn bereits über 54 Tage in den üK trainiert. «Es ist toll, wenn du ein kompliziertes Teil passgenau abliefern kannst», sagt der Lernende Nico. Die Kehrseite der Medaille: «Ein kleiner Fehler kann die Arbeit eines halben Tages vernichten, und das Material ist auch futsch, nicht gut für den Betrieb», ergänzt sein Kollege Nicolas.

Volle Konzentration ist hier wichtig, nur schon aus Sicherheitsgründen: «Wenn das Werkstück nicht fest genug eingespannt ist, kann es einem bei über 3000 Umdrehungen in der Minute um die Ohren fliegen», erklärt Lehrling Tom. Schon nach wenigen Wochen dürfen die Lehrlinge an die grossen Maschinen, eng betreut von Dave Gutzwiller und Rolf Burlet: «Da braucht es viel Übung, um das Gefühl für die Maschine, das Messen und Material zu bekommen. Gute Berechnungen und häufiges Nachmessen allein genügt nicht», so Gutzwiller. Er staunt immer noch über die rasante Entwicklung, welche die Schulabgänger nur schon im ersten Jahr durchlaufen, hin zu verantwortungsbewussten Berufsleuten.

Von Ziegelbrücke an die Weltspitze

Auch die Lernenden fühlen sich durch sein Lob und ihre Fortschritte motiviert: «Wofür wir früher einen Tag brauchten, das schaffen wir jetzt viel schneller», so Lehrling Asir stolz. Das sei auch nötig, denn in der praktischen Prüfung müssen sie Aufgaben unter Zeitdruck lösen: Nach komplexen Zeichnungen, die Uneingeweihten wie Hieroglyphen erscheinen, müssen sie in viermal drei Stunden Werkstücke fräsen, drehen und montieren – wohlgemerkt mit minimer Fehlertoleranz. Am Beruf gefällt ihnen, dass sie hier wirklich etwas Nützliches herstellen – «Bauteile für ein Flugzeug, filigrane Metallfedern, Werkzeuge für Spritzgussmaschinen, Medizinaltechnik, Zahnrad- und Seilbahnkonstruktionen» – also eine grosse Palette.

«Du hast so eine breite Ausbildung, du kannst damit ganz viel machen», so Raphael. Wenn die angehenden Polymechaniker Metall in die Hand nehmen, erkennt ihr bereits geschulter Blick rasch, was ein Meisterstück ist. Wie die Arbeit von Tobias Meier, der es aus der Ziegelbrücker Talentschmiede bis zum vierten Platz an den World Skills, der internationalen Berufsolympiade, geschafft hat und der nun als Experte an der WorldSkills mitwirkt. Gutzwiller sieht seine Aufgabe darin, «einerseits eine solide Basis an Berufsleuten zu trainieren, andererseits Ausnahmetalente speziell zu fördern.»

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