Schrauben wie ein Profi
«Als Chirurg zeige ich auch gerne mal ein Farbföteli», sagt Hans-Curd Frei, Chefarzt Chirurgie am Spital Davos, mit einem Grinsen. «Wer lieber kein Farbföteli anschaut, macht jetzt am besten kurz die Augen zu.» Doch die wenigsten der anwesenden Schülerinnen und Schüler schliessen die Augen, als klar wird, was Frei mit einem «Farbföteli» gemeint hat, und auf der Leinwand ein Bild von der Operation eines Handgelenks erscheint – Blut, Knochen, Instrumente und Schrauben inklusive. Ein paar Uhs und O-os erklingen, aber die meisten der Schülerinnen und Schüler der Klassen G5a und G5b der Schweizerischen Alpinen Mittelschule Davos (SAMD) scheinen mit dem Anblick eines Operationsfelds kein Problem zu haben.
Der Besuch der SAMD-Klassen im Spital Davos und im AO Center im Vorfeld der AO-Kurse hat eine lange Tradition. Bereits am Montag zuvor waren die Schülerinnen und Schüler zu Gast im AO Center, wo sie erste Einblicke in die Arbeit der AO Foundation und die Geschichte der Osteosynthese erhielten.
Nagel rein, Nagel raus?
Nun, am zweiten Montag, steht die Praxis im Vordergrund. Nach einer kurzen Einführung in die Behandlung von Knochenbrüchen geht es «ab in den Keller», wo praktische Übungen auf die Schülerinnen und Schüler warten. Hans-Curd Frei veranschaulicht, wie mittels Marknägeln zum Beispiel Unterschenkelfrakturen fixiert werden. «Kommt so ein Nagel auch wieder raus?», will einer der Schüler wissen. «Bei einem Patienten in deinem Alter würde man den Nagel wieder entfernen», antwortet Frei. «Allerdings besser nicht jetzt im November, denn nach der Entfernung muss sich der Knochen erst wieder aufbauen, und du müsstest dich zwei bis drei Monate schonen. Du könntest also den ganzen Winter nicht Skifahren.»
Peter Däscher von der AO zeigt derweil an einem anderen Posten, wie viel handwerkliches Feingefühl das Operieren voraussetzt. An Kunstknochen üben die Schülerinnen und Schüler das Schrauben. «Es braucht das optimale Drehmoment, damit einerseits die Platte nicht lottert, man aber andererseits auch nicht den Knochen verletzt», erklärt Däscher. Ideal seien zwischen 60 und 85 Prozent des Durchdrehmoments. Mit einem computergestützen Schraubenzieher lässt sich das genau messen. «Das ist schon jetzt ein Fachmann, den könnte man gleich an die Uni schicken», kommentiert Däscher, als ein Schüler 73 Prozent erreicht. Weniger erfolgreich ist Biologielehrer Alexander Fehr. Als er die Schraube in den Knochen dreht, ertönt ein Knacken. «Da müsste der Chirurg jetzt zum nächsten Bohrloch wechseln», schmunzelt Däscher.
Nächster Termin: AO Courses
Obwohl viele der Schülerinnen und Schüler sichtlich Spass an den praktischen Übungen haben, mag doch niemand so recht die Hand heben, als Däscher fragt: «Wer interessiert sich denn fürs Medizinstudium?» Aber vielleicht gelingt es ja in ein paar Wochen, einige von ihnen endgültig zu begeistern. An den AO Davos Courses Anfang Dezember bekommen nämlich die Schülerinnen und Schüler mit naturwissenschaftlicher Vertiefung noch einmal die Gelegenheit, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.