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«Ich wollte mehr»

Markant hat sie als Kantonsärztin von Glarus und Graubünden in der Coronakrise den «Bündner Weg» mitgestaltet. Deshalb ist Marina Jamnicki nun als «Bündner Persönlichkeit 2021» nominiert.

Mara
Schlumpf
12.01.22 - 04:30 Uhr
Ereignisse
Klare Linie: Marina Jamnickis Ehemann findet, sie sei seit Pandemiebeginn unnachgiebiger geworden – dem stimmt sie zu.
Klare Linie: Marina Jamnickis Ehemann findet, sie sei seit Pandemiebeginn unnachgiebiger geworden – dem stimmt sie zu.
Bild Olivia Aebli-Item

Wenn der Kanton Graubünden zur Medienkonferenz lädt, darf eine Frau nicht fehlen: Die Kantonsärztin Marina Jamnicki. Vor zwei Jahren hat sie ihr Amt für die beiden Kantone Graubünden und Glarus angetreten – weil sie nach einer vergleichbaren Stelle im Fürstentum Lichtenstein eine grössere Herausforderung suchte.

Frau Jamnicki, wie geht es Ihnen?

Marina Jamnicki: Ich bin müde.

Was macht Sie müde?

Die Arbeit. Sie ist intensiv. Die Arbeitsmenge lässt mir kaum Zeit für Erholung.

Wie bewältigen Sie diese Arbeitsmenge?

Ich muss Prioritäten setzen. Mit der Arbeit fertig werde ich schon lange nicht mehr. Ich musste eine Grenze ziehen. Und: Wir sprechen hier nur von Corona. All jene Aufgaben, die ich als Kantonsärztin sonst noch hätte, müssen auch hintenanstehen. Aber ich brauche auch Zeit für mich und meine Familie.

Sie sind verheiratet und haben eine elfjährige Tochter und einen Sohn, der 13 Jahre alt ist. Verstehen Ihre Kinder, was Sie machen?

Ja. Sie verstehen es und zeigen auch Verständnis, dass ich ihnen nicht mehr im gleichen Umfang zur Verfügung stehe wie noch vor zwei Jahren. Aber in letzter Zeit musste ich mir hin und wieder ein «Mami, du bisch nie da» anhören.

Wie haben Sie reagiert?

Ich musste über die Bücher gehen! Ich habe nun fixe Zeiten für meine Kinder reserviert. Zum Beispiel den Mittwochnachmittag. Da stelle ich Computer und Telefon aus und widme mich ganz meinen Kindern.

Die Stelle als Kantonsärztin von Graubünden und Glarus war nicht als 100-Prozent-Pensum gedacht, als Sie die Stelle kurz vor Beginn der Pandemie angenommen haben. Nun arbeiten Sie deutlich mehr als 100 Prozent. Hätten Sie sich rückblickend wieder so entschieden?

(Sofort) Ja.

Das kam schnell.

Es ist ein sehr spannender Beruf. Ich mache ihn gerne. Die Funktion, die ich habe, ist wichtig. Hätten wir damals gewusst, was uns erwartet, hätten wir einige Dinge vielleicht anders aufgegleist. Aber ja, ich mache meinen Job, trotz Pandemie, sehr gerne.

Was sind die Aufgaben einer Kantonsärztin, wenn gerade mal keine Pandemie ist?

(Lacht). Eine Kantonsärztin hat eine bundesweite, gesetzlich vorgeschriebene Aufgabe. Und zwar ist das die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten. Vieles ist Administration. Ich bin zuständig für alle meldepflichtigen Krankheiten. Zum Beispiel die sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis und HIV. Ich nehme diese Meldungen in Empfang und entscheide, wo Massnahmen nötig sind. Es gibt aber noch weitere Aufgaben, die ich hier in Graubünden übernehme.

Welche?

Ich bin zuständig für die Administration der Substitutionsbehandlungen von drogenabhängigen Menschen. Ich behandle diese Patienten zwar nicht, aber die dazu erforderliche Bewilligung läuft über mich. Ausserdem habe ich die rechtliche Aufsicht über alle Ärztinnen und Ärzte im Kanton. Wenn sich ein Arzt falsch verhält, kann beim Gesundheitsamt Meldung erstattet werden und wir gehen dieser Sache nach. Ein weiterer grosser Teil meiner Arbeit ist die Qualitätssicherung in den Spitälern.

Weshalb haben Sie sich Anfang 2020 auf diese Stelle beworben? Zuvor waren Sie die Amtsärztin im Fürstentum Liechtenstein.

Dort arbeitete ich von 2012 bis 2019. Die Funktion als Amtsärztin ist mit jener der Kantonsärztin in etwa vergleichbar. Ich habe mir zwei, drei Monate Pause gegönnt und im Februar 2020 hier meine Stelle angetreten.

Und wieso?

(Lacht) Das ist ja die Ironie: Ich habe schlicht eine grössere Herausforderung gesucht. Liechtenstein war interessant, schliesslich handelt es sich dabei um ein Land. Ich hatte quasi die Funktion des BAG (Bundesamt für Gesundheit) inne. Das war spannend, Liechtenstein hat aber nur etwa die Grösse von Chur. Ich wollte mehr.

Sie haben mehr bekommen! Durch die Pandemie wurde ein Aspekt Ihrer Arbeit deutlich zentraler: die Zusammenarbeit mit den Medien. Mögen Sie diesen Aspekt?

(Überlegt) Ja, doch. Ich staune oft darüber. Vor einiger Zeit war ich auf der Frontseite der «Südostschweiz». Da musste ich schmunzeln, das hätte ich mir niemals vorstellen können, als ich die Stelle angetreten habe. Die Arbeit mit den Medien ist ein interessanter Aspekt. Ich sehe auch, wie wichtig es ist, dass wir als Behörden regelmässig und offen kommunizieren.

«Ich stehe zu dieser Impfung und halte sie auch für eine gute Sache. Ich würde aber nie jemanden als Ignoranten bezeichnen, nur weil er das nicht so sieht.»

Gehen wir zurück ins Private: Ihr Mann ist Geograf – sein Beruf hat sich vermutlich weniger verändert als Ihrer. Wie nimmt er Sie in dieser Zeit wahr?

Nein, sein beruflicher Alltag hat sich weniger verändert als meiner. Mein Mann und ich waren schon bevor wir Eltern wurden sehr partnerschaftlich unterwegs. Wir haben immer beide Teilzeit gearbeitet, haben unsere Kinder auch extern betreuen lassen. Und wir haben beide unseren Teil der Kinderbetreuung und im Haushalt geleistet. Mit der Pandemie ist dieses Konzept massiv ins Wanken geraten.

Inwiefern?

Ich bin natürlich extrem eingespannt. Dazu kommt, dass mein Mann freischaffend ist. Seine Aufträge gingen wegen der Pandemie eine Zeit lang stark zurück. Deswegen blieb er viel mehr daheim bei den Kindern. Für die Kinder war das natürlich gut, so war gewährleistet, dass immer ein Elternteil daheim ist. Aber bis sich diese neue Normalität mit dieser neuen Aufgabenverteilung eingependelt hatte, war es nicht einfach. Seit ein paar Monaten versuche ich aktiv, wieder mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Aber ja: ich darf am Abend nach Hause kommen und mich an einen gedeckten Tisch setzen. Im Gegenzug lerne ich nach dem Abendessen mit den Kindern. Alles geht aber nun mal nicht. Klar führt dies manchmal zu Diskussionen, aber während der Pandemie hat jede und jeder einen Rucksack zu tragen. Unser Rucksack ist halt geprägt von meiner Arbeitslast.

Findet Ihr Mann, die letzten zwei Jahre hätten Sie verändert?

Er wirft mir manchmal vor, ich sei unnachgiebiger geworden.

In welcher Hinsicht?

Er findet, dass ich ein bisschen egoistischer geworden bin. Und er hat nicht unrecht. Ich vermute, dass das auch mit der Müdigkeit zusammenhängt. Trotzdem: Die Ansprüche meiner Familienmitglieder sind berechtigt. Das muss ich mir hin und wieder sagen. Aber wie gesagt, jede Person hat einen Rucksack zu tragen. Ich kenne Familien, in denen beide Eltern ihren Job verloren haben und es zwischenzeitlich finanziell extrem eng wurde. Wenn ich solche Situationen erlebe, denke ich: «Beklag dich nicht, Marina».

Wie sieht es mit Menschen in Ihrem Umfeld aus, die nicht an das Virus und die Pandemie glauben?

Dadurch, dass ich beruflich so eingespannt bin, konnte ich generell nur wenige soziale Kontakte ausserhalb der Familie pflegen. Meine beste Freundin ist wie ich Ärztin, und auch sonst ist mein Umfeld geimpft und trägt die Massnahmen mit. Diese Diskussionen muss ich also gar nicht führen.

Sie mussten sich privat noch nie mit Massnahmengegnern herumschlagen?

Doch – mit entfernten Bekannten. Da hat es sich im Gespräch herausgestellt, dass sie sich aus Überzeugung nicht impfen lassen möchten. Da habe ich erst einmal leer geschluckt. Aber ich mag diese Menschen, weshalb ich mit ihnen nun einfach nicht mehr über Corona diskutiere.

Und das ist eine befriedigende Lösung?

Ich bin eine ziemlich tolerante Person. Ich gestehe jeder Person ihre Meinung zu. Wenn diese Haltung Auswirkungen auf mich hat, kann ich immer noch Grenzen setzen. In meiner Rolle als Kantonsärztin ist dies natürlich eine Gratwanderung. Ich stehe zu dieser Impfung und halte sie für eine gute Sache. Ich würde aber niemals jemanden als Ignoranten bezeichnen, nur weil er das nicht so sieht.

Glauben Sie, dass 2022 ein Ende der Pandemie in Sicht sein wird?

Ich kann keine Prognose abgeben. Ich habe aber einen spannenden Artikel zum Thema gelesen. Dort hiess es, das Ende der Pandemie sei eine gesellschaftliche Sache, keine medizinische.

Wie ist das gemeint?

Das bezeichnet den Zeitpunkt, an dem eine Krankheit ins normale Bewusstsein übergeht. Wenn wir Covid als «normal» betrachten. Sprich: Der Zeitpunkt, ab dem es normal ist, dass so und so viele Menschen deswegen auf den Intensivstationen liegen oder daran sterben. Das haben wir bei der Grippe und den Masern auch. Diese Krankheiten sind weniger im Bewusstsein als Covid, aber es gibt sie.

Wer ist die «Bündner Persönlichkeit 2021»

Die «Südostschweiz» Medienfamilie sucht wieder die Bündner Persönlichkeit des Jahres. Für 2021 nominiert sind Bischof Joseph Maria Bonnemain, Künstlerin Miriam Cahn, Kantonsärztin Marina Jamnicki, die Churer Tourismusdirektorin Leonie Liesch und Kinderchirurg Martin Meuli.

Marina Jamnicki lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern im Kanton St. Gallen. Vor ihrem Stellenantritt als Kantonsärztin Anfang 2020 war sie Amtsärztin im Fürstentum Liechtenstein. Die Kommunikation mit den Medien gehört inzwischen fest zu den Aufgaben der Kantonsärztin, eine Aufgabe, die sie sehr schätzt. Trotzdem ist Jamnicki hin und wieder überrascht, wenn sie sich selber in einer Zeitung platziert sieht.

Interviews und Voting-Infos: www.suedostschweiz.ch/bpj

Mara Schlumpf ist Redaktorin und Chefin vom Dienst bei «suedostschweiz.ch». Ursprünglich kommt sie aus dem Aargau, hat ihr Herz aber vor einigen Jahren an Chur verschenkt. Mehr Infos

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Frau Jamnicki war letztes Jahr in und für Graubünden unermüdlich im Einsatz. Sie hat mit grossem Engagement versucht, dazu beizutragen, dass unser Kanton und damit wir alle einigermassen glimpflich durch die Pandemie kommen. Sie ist ruhig, überlegt, menschlich und wo möglich noch humorvoll geblieben. Auch daher hat nimmt sie sich keine Zeit, wie ein umtriebiger Mitbewerber - nota bene aus Venedig - in einem Sammelmail seine Kandidatur zu bewerben.
Sich für die Gesundheit in unseren Heimatkanton einsetzen und eigene Bedürfnisse hintan zu stellen, so erlebe ich Frau Jamnicki. Sie meine Bündner Persönlichkeit des Jahres.

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