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«Ich hab nie tief gestapelt»

Sie beschäftigt sich mit existenziellen Themen wie Krieg oder Flucht und wurde zur wichtigsten Schweizer Künstlerin gewählt: Miriam Cahn. Deshalb wird sie als «Bündner Persönlichkeit 2021» nominiert.

Kristina
Schmid
11.01.22 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben
«Nur, wenn die Guerilla-Girls aufs Bild kommen»: Miriam Cahn posiert nicht gerne für Fotos, schon gar nicht vor ihren eigenen Gemälden. Das war eine Ausnahme.
«Nur, wenn die Guerilla-Girls aufs Bild kommen»: Miriam Cahn posiert nicht gerne für Fotos, schon gar nicht vor ihren eigenen Gemälden. Das war eine Ausnahme.
Bild Olivia Aebli-Item

Nicht böse, nicht frech, nicht entschuldigend, nicht verlangend, sondern einfach nur direkt. «Wenn ihr ein Interview mit mir wollt, müsst ihr nach Stampa kommen. Ich geh nirgends hin.» Und so machten wir uns auf den Weg ins Bergell und trafen dort eine kleine, auf den ersten Blick unscheinbare Frau. Eine Erscheinung, auf den zweiten Blick. Direkt, mutig, unbequem, kompromisslos und authentisch. Miriam Cahn, die weltberühmte Künstlerin.

Frau Cahn, Sie haben an vielen Orten gelebt. An noch viel mehr Orten Ihre Kunst ausgestellt. Weshalb haben Sie sich dazu entschlossen, nun Ihr Haus im Bergell zu bauen, wo sie leben und arbeiten – so abgelegen vom Rest der Welt?

Miriam Cahn: Sie hören sich so an, als hätte ich das alles geplant. Das habe ich nicht. Ich kannte die Gegend zwar schon als Kind, die Entscheidung ins Bergell zu ziehen war Zufall. 

Was für ein Zufall?

In einem bestimmten Moment meines Lebens konnte ich viel Geld durch den Verkauf meiner Bilder verdienen. Und da dachte ich, es wäre an der Zeit mal auszuprobieren, in den Bergen zu wohnen. Und weil ich Reto Giovanoli «Pila», den Metzger aus Maloja, kannte, dachte ich mir: Wenn ich schon jemanden kenne, der in den Bergen wohnt, dann gehe ich dorthin.

Das Abgelegene stört Sie nicht?

Ich fühle mich sogar wohl, weil es etwas abgelegen ist. Gerade jetzt im Alter. Als Junge hätte man mich hierhin prügeln müssen (lacht).

Sie haben einmal gesagt, Arbeit sei für Sie das Wichtigste, eine Familie käme nie infrage. Kompromisslos. 

Kompromiss ist das falsche Wort. Ich habe mich dazu entschieden. Meine Generation von Frauen hat das Stimmrecht erst mit 22 Jahren erhalten. Da wird man notgedrungen Feministin. 

Und als Feministin kann man keine Familie haben?

Sie müssen sich die Situation von damals vorstellen. Es gab nirgends Politikerinnen, nur einige wenige Pionierhafte. Es gab praktisch keine Künstlerinnen, nur einige wenige Hervorragende. Eine Kombination aus Karriere und Familie war damals nicht möglich. Ich fragte mich, was für mich als Mensch das Wichtigste ist. Und für mich war es die Kunst. Eine Familie wäre eine Falle gewesen. Ich hätte mein Leben nicht so leben können, wie ich es mir vorstellte. Ich wollte Künstlerin werden, die Kunst ins Zentrum ihres Lebens rückt. Das geht nicht mit noch ein bisschen Kindern nebenbei. 

Und heute?

Heute ist das vielleicht eher möglich. Ich glaube aber nicht daran, wenn ich die vielen Lücken im Lebenslauf von Frauen sehe. Es heisst dann, Frauen wären besser im Multitasking. Das stimmt doch gar nicht. Es gibt Menschen, die das können. Und Menschen, die das nicht können. Egal, ob Mann oder Frau. Doch das Klischee lebt weiter. Eine Frau müsste eigentlich Kinder haben, am besten noch ein Haus und einen Mann. Aber ja, Frauen haben heute mehr Möglichkeiten als früher. 

Wie alt waren Sie denn, als Sie wussten, Sie wollen Künstlerin werden?

(lacht). Ich glaube, ich war vier. Ich habe schon immer gerne gezeichnet, bin in einem kunstsinnigen Haus aufgewachsen. Meine Mutter hat gezeichnet und gemalt. Wir haben viele Ausstellungen besucht. Es war normal, es gehörte einfach dazu. Mein Vater war Kunsthändler. Das hat mich schon geprägt, dieses Leben. 

Und wann haben Sie das aktiv verfolgt?

Als Teenager. Alles andere konnte ich sowieso nicht, ich war eine Schulversagerin. Es war klar für mich. Und ich habe auch nie tief gestapelt. Ich wollte so werden wie meine Vorbilder.

Die da wären?

Edvard Munch, Picasso und all die grossen Helden.

Insbesondere Picasso hat es Ihnen angetan.

Ja, noch heute. Mich fasziniert, dass er täglich etwas gemacht hat. Diese Leichtigkeit, mit der er malte. Er hat sich nie gefragt, ob das so gut ist, wie er es macht. Er hat es einfach gemacht. 

Sie auch.

Ja. Mir ist Schnelligkeit sehr wichtig. Für ein Gemälde habe ich höchstens drei Stunden.

Das ist nicht sehr lange. Haben Sie nie am Ende noch etwas gefeilt, darüber gegrübelt, ob wirklich alles so ist, wie Sie sich das vorgestellt haben? 

Nein. Ich gebe manchmal noch eine zweite Ladung Farbe drauf. Aber nicht, weil ich mit der Farbgebung, der Komposition oder sonstigem Mist nicht zufrieden wäre. Ich mache manchmal einfach eine neue Version.

Sie malen grosse Bilder.

In den Siebzigern gab es einige interessante Kunstbewegungen. Performance hat mich total ergriffen. Ich hab noch im Kopf, wie Jochen Gerz auf einem Hügel steht und so lange «Hallo» ruft, bis er heiser ist. Der körperliche Einsatz, der hat mich total fasziniert. Und darin haben mich all die grossen Performance-Künstler und Künstlerinnen inspiriert. Ich steige arbeitend ein, und erst wenn ich fertig bin, steige ich wieder aus.

Wann kam der Augenblick, da Sie von Ihrer Kunst leben konnten?

Multitasking, worüber wir vorher gesprochen haben, ich kann das nicht. Ich habs versucht. Mein Studium zur Grafikerin, jobben und Kunst machen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass das nicht geht. Und ich fand es sinnlos, weil mein Vater ja reich war. Also habe ich ihm meinen Fünfjahresplan vorgestellt, zeigte ihm meine ersten Werke und mein Atelier und bat ihn um genug Geld, um die nächsten fünf Jahre über die Runden zu kommen.

Hat es funktioniert?

Ja, klar. Er war so süss. Dafür bin ich ihm ewig dankbar. Ich wollte herausfinden, ob ich wirklich davon leben will. Jeden Tag zeichnen und malen. Ich wollte herausfinden, ob ich das aushalten kann.

Was aushalten?

Zwecklose Arbeit zu leisten. Du machst etwas, das niemand braucht. Es ist zwar nicht sinnlos, aber zweckfrei. Und das muss man aushalten können.

Einen Sinn haben Ihre Bilder aber. Wollen Sie diesen dem Betrachter vermitteln?

Mit den Titeln suggeriere ich beim Betrachter oder bei der Betrachterin, worum es gehen könnte. Und wenn sich Titel und Bild schneiden, wirds interessant. Wenn ein buntes, schönes, farbenfrohes Aquarell nicht etwa Mandalas zeigt, wie eine Frau in einer Ausstellung einmal vermutete, sondern Atombomben. Widersprüche interessieren mich. 

«Ich muss immer noch kämpfen.
Aber ich bin eine alte Kriegerin,
ich mach das gerne (lacht).»

Sprechen wir doch über Ihre Bilder. Sie brechen Tabus und nennen Dinge beim Namen. Grosse Themen der Menschheit halten Sie fest. Etwa das Thema Migration. Flucht. Damals schon, während der Jugoslawienkriege. Und auch erst kürzlich aufgrund der aktuellen Flüchtlingskrise. Warum fesselt Sie das Thema Flucht?

Ich bin aufgewachsen im Kalten Krieg. Ich war bis 1988 in Berlin West. Das war nicht toll, aber man lernte damit umzugehen. Und plötzlich fiel die Mauer und verknüpfte damit Hoffnungen, dass dieser Ost-West-Fall nicht mehr existieren würde. Eine Illusion. Plötzlich schlagen Anfang der Neunziger in Jugoslawien Menschen aufeinander ein, weil sie andere Ethnien haben.

Warum aber Flucht? Es gibt ja viele andere Themen, die genauso bewegend sind.

Ich finde es zentral, dass man in Europa oder der Schweiz nicht akzeptieren will, dass Fremde hierherkommen und hier leben wollen. Deshalb war es interessant, im Castelmur auszustellen. Dort haben sie eine kleine Ausstellung, die das Leben der Bergeller Auswanderer zeigt, Menschen, die migrieren mussten, weil sie hier keine Arbeit fanden. Die Menschen heute migrieren aus denselben Gründen, ertrinken aber im Meer. Warum? Weil Europa findet, diese Menschen wollen wir nicht. 

Nicht nur Flucht, auch Gewalt ist grosses Thema in Ihren Gemälden. 

Wenn ich an diese Flüchtlinge denke, die im Meer ertrinken, weil sie niemand will, dann ist das auch eine Art von Gewalt. Und wir alle wissen, dass im Bereich der Sexualität nicht nur Zärtlichkeit eine Rolle spielt. Es ist nicht Gewalt an sich, die mich interessiert. Aber in dem Moment, in dem ich mich in andere, etwa Flüchtlinge hineinfühle, spielt das eine Rolle. Wissen Sie, ich will nicht einfach schöne Bilder malen, ich will unbedingt zeitgenössisch sein. Und was ist zeitgenössisch? Der Mangel an Empathie. Für eine Familie, die flieht. Für einen Schwulen in einem muslimischen Land. Und deshalb widme ich mich dem. Ich kommentiere die Situation dieser Menschen. 

Frau Cahn, Sie hatten es als Frau nicht immer leicht. Begegnet man Ihnen inzwischen immer auf Augenhöhe – so wie Ihre Kunst dem Betrachter?

Natürlich nicht. Ich muss immer noch kämpfen. Aber ich bin eine alte Kriegerin, ich mach das gern (lacht). Das muss ich auch, wenn ich mein Ding durchziehen will.

Wer ist die «Bündner Persönlichkeit 2021»

Die «Südostschweiz»-Medienfamilie sucht wieder die Bündner Persönlichkeit des Jahres. Für 2021 nominiert sind Bischof Joseph Maria Bonnemain, Künstlerin Miriam Cahn, Kantonsärztin Marina Jamnicki, die Churer Tourismusdirektorin Leonie Liesch und Kinderchirurg Martin Meuli.

Miriam Cahn wird weltweit als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen angesehen. Ende der Siebzigerjahre hat eine illegale Kunstaktion, bei der sie an einer Autobahnbrücke Wandzeichnungen anbrachte, sie schlagartig bekannt gemacht. Die Arbeiten der 72-Jährigen sind heute in zahlreichen Kunstsammlungen beheimatet, so etwa im Museum of Modern Art in New York, in der Londoner Tate Modern oder im Kunstmuseum Basel.

Interviews und Voting-Infos: www.suedostschweiz.ch/bpj

Kristina Schmid berichtet über aktuelle Geschehnisse im Kanton und erzählt mit Herzblut die bewegenden Geschichten von Menschen in Graubünden. Sie hat Journalismus am MAZ studiert und lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Rheintal, worüber sie in ihrem Blog «Breistift» schreibt. Mehr Infos

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