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Corona-Überlebender: «Mein ganzer Körper hat geschmerzt»

Giancarlo Cattaneo ist 70 Jahre alt. Er hat Asthma. Und er hat das Coronavirus überlebt. Jetzt appelliert der Engadiner an die anderen Senioren.

Mara
Michel
Sonntag, 22. März 2020, 19:38 Uhr Risikopatient überlebt Coronavirus

Mindestens 239 Menschen aus Graubünden hatten sich bis Samstagabend mit dem Coronavirus infiziert, schreibt der Kanton. Einer von ihnen war Giancarlo Cattaneo aus St. Moritz. Seit Freitag ist er offiziell gesund und somit immun gegen das Virus. Das ist nicht selbstverständlich, denn er ist 70 Jahre alt und leidet an Asthma. Mit uns sprach der Engadiner über seine Geschichte.

Selbstisolation zuhause

Wo sich Cattaneo angesteckt hat, weiss er nicht. Er vermutet aber, dass es in St. Moritz  passiert sein muss, irgendwann Ende Februar. Anfang März bemerkte er die ersten Symptome. Plötzlich hatte er über 38 Grad Fieber und starken Husten. «Mein ganzer Körper hat geschmerzt», erinnert sich Cattaneo. Daraufhin nahm er Kontakt mit seinem Hausarzt auf. Dieser wiederum riet ihm, sich sofort auf das Coronavirus testen zu lassen. Am 5. März vereinbarte Cattaneo einen Termin in Sils, um durch einen Abstrich Klarheit zu erhalten. Am Freitag, 9. März, rief ihn sein Hausarzt an, und teilte ihm mit, dass er positiv auf das Virus getestet worden sei. «Ich hatte nichts anderes erwartet. Ich war sehr gefasst», erklärt Giancarlo. «Ich kannte die Bestimmungen des BAG. Also habe ich mich sofort in Selbstisolation begeben, bei mir zuhause.»

Cattaneo lebt alleine. Hilfe erhielt er von Freunden, die für ihn einkauften oder kochten und ihm die Lebensmittel vor der Türe deponierten. «Aber essen mochte ich nicht. Ich habe sehr viel Tee getrunken», erzählt er.

Umgebautes Spitexauto als Spitaltaxi

Stündlich habe er Fieber gemessen und die Daten in seine Gesundheitsapp auf dem Handy eingegeben, erzählt Cattaneo. Das Fieber schwankte immer zwischen 37.5 und 38.5 Grad. Nachts wurde er von üblem Husten geplagt. So übel, dass sein Hausarzt nach einer Woche fand, so gehe es nicht weiter. Schliesslich sei er Risikopatient. Auch Cattaneo hatte Angst, dass das Virus seine Lunge angreifen werde. Also organisierte sein Hausarzt die Verlegung ins Regionalspital Samedan. «Mit einem umgebauten Spitexauto wurde ich abgeholt. Die Rückbank war vom Rest des Autos mit Plastik abgetrennt.» Bei seiner Aufnahme im Spital wurde seine Lunge geröntgt, man nahm ihm Blut ab und überprüfte die Sauerstoffsättigung. «Die Sauerstoffsättigung war das wichtigste. Mit der steht und fällt alles.»

«Ich war durch mein Smartphone stets mit der Aussenwelt in Kontakt»

Anschliessend durfte er ein Einzelzimmer beziehen, welches für die nächsten neun Tage sein Zuhause sein sollte. «90 Prozent der Spitalzeit verbrachte ich im Bett. Ich habe viele Freunde auf der ganzen Welt und hatte so immer Kontakt mit der Aussenwelt. Ich habe viele Nachrichten geschaut, auch internationale News», erinnert er sich«Eigentlich habe ich Tag und Nacht nur am Handy rumgefummelt.» 

Trotz Asthma und dem höheren Alter hat Cattaneo COVID-19 überlebt.
GIANCARLO CATTANEO

Schutzanzüge, Schutzmasken und Schutzbrillen

Das Personal betrat Cattaneos Zimmer nur, wenn es nötig war. «Es war sehr professionell. Sie trugen Schutzanzüge, Schutzmasken und Schutzbrillen. Dreimal am Tag wurde ich untersucht. Die Arztvisite fand jeden Morgen statt. Und die Putzkraft kam auch täglich», erzählt er. Für einen Schwatz blieb aber niemand im Zimmer. «Psychisch ging es mir nur gut, weil ich durch mein Smartphone stets mit der Aussenwelt in Kontakt blieb», führt er an.  

«Hört auf, den Helden zu spielen! Man muss auch bei schönstem Wetter nicht nach draussen!»

Monate vor seiner Erkrankung hatten ihn  Freunde aus China immer wieder gebeten: «Bleib zuhause. Geh nicht mehr raus.» Auf sie gehört hat der Engadiner nicht. Jetzt sieht er das Ganze aber komplett anders. Er will den Leuten ans Herz legen: «Hört auf, den Helden zu spielen! Man muss auch bei schönstem Wetter nicht nach draussen.» Es sei jetzt Zeit, sich ganz strikt an die Auflagen der Regierung zu halten. «Ich habe null Verständnis für die Senioren, die so fahrlässig ihr Leben riskieren», sagt er.

«Ich bleibe trotzdem daheim»

Cattaneo möchte Mut machen. Mit seinen 70 Jahren und seiner Vorerkrankung war es nicht selbstverständlich, das Virus unbeschadet zu überleben. «Aber wie man sieht, ist es nicht unmöglich.» Er gilt nun als immun gegen das Virus. Und obwohl er nun weder für sich noch für andere Menschen eine Gefahr darstellt, bleibt er zuhause. Aus Überzeugung. «Ich will ein Vorbild sein für meine Generation. Klar könnte ich jetzt problemlos rausgehen. Aber ich bin ein Senior und muss nicht raus. Ich halte mich an die Vorschriften des Bundes und bleibe daheim.»

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