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Sie mischt typische Männerwelten auf

Am Freitag werden Frauen in der Schweiz auf die Strasse gehen, um für die Gleichstellung von Frau und Mann einzustehen. Sie fordern unter anderem gleichen Lohn, Respekt und den Bruch von traditionellen Mustern in der Berufswelt. Nina Gansner hat sich nie von solchen Mustern aufhalten lassen und ist in vielen traditionellen Männerdomänen zu Hause.

Corinne
Raguth Tscharner
Donnerstag, 13. Juni 2019, 04:30 Uhr Die Porträtserie zum Frauenstreiktag
Nina Gansner-Hemmi ist Patentjägerin, Gemeindepräsidentin und Forstingenieurin.
NINA GANSNER-HEMMI

Wer sich eine Person im Präsidium einer Gemeinde, im Forstwesen oder auf der Jagd vorstellt, sieht meistens einen Mann vor sich, auch heute noch. Die Politik, der Wald und die Jagd sind traditionellerweise eher Männerdomänen - und die Leidenschaft von Nina Gansner-Hemmi. Die 40-jährige Prättigauerin ist Präsidentin der kantonalen Aus- und Weiterbildungskommission für Jägerinnen und Jäger, seit 2017 Gemeindepräsidentin und noch für einige Tage Geschäftsführerin des Verbands der Waldeigentümer Graubünden, kurz Selva. «Ich habe meine Hobbies und Passionen zum Beruf gemacht», sagt sie. «Mein ganzes Berufsleben dreht sich um Wald, Jagd und Natur.»

Die diplomierte Forstingenieurin hat ihr Studium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH zu einer Zeit angetreten, in der dieser Studiengang und die damit verbundene Berufswelt grösstenteils in Männerhand war. «Das hat mich aber nie davon abgehalten, meinen Traumberuf zu verfolgen», sagt Gansner-Hemmi. Sie freut sich, dass sich mittlerweile sehr viel mehr Frauen für den Beruf der Forstingenieurin interessieren. Es habe sie damals auch nie gestört, dass sie eine von wenigen Frauen unter Männern war. «Diese Welt war immer sehr offen. Es gab eher einen Generationen- denn einen Geschlechterkonflikt», so Gansner-Hemmi «In diesem Spannungsfeld stehen alle jungen Berufsleute, egal ob Frau oder Mann. Neue Ideen und neue Leute finden in einem Berufsfeld, das wie das Forstwesen sehr langfristig orientiert ist, nicht immer schnell einen Platz.»

Schritte in die richtige Richtung

Ein negatives Erlebnis, weil sie als weibliche Gemeindepräsidentin, Forstingenieurin und Patentjägerin in von Männern geprägten Welten unterwegs ist, hatte Gansner-Hemmi noch nie. Einen Stolperstein gab es nur 2010, als sie beim Amt für Wald (heute Amt für Wald und Naturgefahren) tätig war.

Nach dem Studium trat die frisch diplomierte Forstingenieurin eine Vollzeitstelle an. Aufgrund ihrer breit gefächerten Interessen - der Jagd, der Natur und der Fotografie - wollte sie mit der Zeit auch beruflich verschiedene Wege gehen. Statt in einem Berufsfeld wollte sie in mehreren tätig sein. Teilzeit, so wie es viele andere Frauen mit mehreren Interessen oder mit Familie anstreben. «Das Pensum zu reduzieren, war damals beim Kanton als Regionalforstingenieurin aber schwierig», sagt Gansner-Hemmi. Und auch die Suche nach neuen Arbeitsstellen sei nicht einfach gewesen. Denn «in den typischen Männerberufen sind die Stellen halt eher auf Männer ausgerichtet und deshalb 100-Prozent-Stellen».

Heute sehe es anders aus, ist sich Gansner-Hemmi sicher. «In den letzten Jahren hat sich diesbezüglich sehr viel getan. Alleine beim Kanton arbeiten nun viel mehr Frauen, und als Regionalforstingenieur ist es gang und gäbe, nicht zu 100-Prozent angestellt zu sein.»

«Der Frauenanteil steigt bei den Jungjägern enorm.»

Auch beim Bündner Patentjägerverband erlebt Gansner-Hemmi einen ähnlichen Trend. «Der Frauenanteil nimmt enorm zu. Vor allem bei den Jungjägern.» Eine Entwicklung, die in vielen kleinen Schritten sichtbar werde. «So gibt es jetzt zum Beispiel bei der Jagdbekleidung auch Frauenkollektionen», sagt sie.

Weibliche Führung bleibt

Nun, fast neun Jahre später, wagt Gansner-Hemmi nochmals eine berufliche Veränderung. Ab Ende Juni wird sie nicht mehr Geschäftsführerin der Selva sein und übernimmt stattdessen die Redaktion des «Schweizer Jägers», der grössten Jagdzeitschrift der Schweiz. Damit macht Gansner-Hemmi wieder ihre Leidenschaft zum Beruf.

Die Geschäftsführung der Selva wird laut Gansner-Hemmi mit Silke Schweizer weiterhin in weiblicher Hand bleiben. «Vielleicht auch, weil es eben eine Teilzeitstelle ist.»

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