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Zeno und Praxis statt Eislaufunterricht

Vor 28 Jahren hat die Davoserin Sandra Cariboni die Schweiz an den Olympischen Spielen in Sarajevo vertreten. Heute lebt die mehrfache Eiskunstlauf-Schweizer-Meisterin mit Partner und Sohn in Zürich und arbeitet als Homöopathin.

Südostschweiz
Donnerstag, 27. Dezember 2012, 01:00 Uhr

Von René Weber

Eiskunstlauf. – Ein Mehrfamilienhaus an der Seefeldstrasse 251 in Zürich. Nur wenige Meter vom Ufer könnte Sandra Cariboni den Ausblick auf den Zürichsee geniessen. Dafür fehlt ihr aber die Zeit. Aufmerksam liest sie an ihrem Bürotisch sitzend die vor ihr liegenden Unterlagen. Sie tut dies unaufgeregt. «Klein, aber fein», sagt Sandra Cariboni, sei ihre Homöopathie-Praxis. Irgendwie passt diese Bescheidenheit zu ihr. Sie war und ist keine, die grosse Töne spuckt. Das tat sie auch nicht, als die heute 49-Jährige Gründe dafür gehabt hätte. Damals, 1984, als sie die Schweiz an den Olympischen Spielen vertrat und in der ausverkauften Olympiahalle in Sarajevo im ehemaligen Jugoslawien den vierten Pflicht- und zehnten Schlussrang erreichte. Sie war auf ihre Leistung zwar stolz, drängte aber nicht ins Rampenlicht. Pflegeleicht und bescheiden, sagen ehemaligen Weggefährten, sei sie gewesen. Sie ist es heute noch.

Motivation für Comeback fehlt nach Verletzung

Genauso unspektakulär wie der sportliche Aufstieg der mehrfachen Schweizer Meisterin verlief, genauso unbeachtet verabschiedete sie sich 1986 durch die Hintertüre. «Es fehlte mir die Motivation. Nachdem ich mich in der Saison zuvor am Knie verletzt hatte und lange aussetzen musste, fehlte mir die Energie. Deshalb war für mich klar, dass es keinen Sinn macht, weiterzulaufen.» Wenn man trotz des Aufwands, der beträchtlich war und tägliches Training bedeutete, nicht mehr an der Spitze mithalten kann, müsse man die Konsequenzen ziehen. Genau dies tat sie. Bereut hat Cariboni ihren Entscheid nie. Im Gegenteil. Sie suchte nach neuen Aufgaben und Herausforderungen und fand sie. Nachdem sie zwei Jahre als Eislauftrainerin im «Suvretta House» in St. Moritz gearbeitet hatte, nahm sie die Ausbildung als Tierärztin in Angriff. Auf diesem Beruf arbeitete sie allerdings nie. Eine Tierhaarallergie machte Cariboni einen Strich durch die Rechnung. Es folgte deshalb ein vierjähriges Studium der klassischen Homöopathie.

Von Zofingen nach Davos

Dass Cariboni in allen Ranglisten als Davoserin geführt wurde, freut sie, sei aber nicht ganz korrekt. Geboren ist sie 1963 nämlich, das wissen nur wenige Leute, im Kanton Aargau. In Zofingen verbrachte sie auch ihre ersten Lebensjahre. Als Baby erkrankte sie dann aber am Krupp-Syndrom, einer bei Kindern nicht seltenen Kehlkopfkrankheit. «Mir fiel das Atmen schwer, ich bekam teilweise kaum Luft.» Linderung versprachen die Ärzte der besorgten Familie in den Bergen. Deshalb fuhren die Caribonis fortan so oft es ging in ihre Ferienwohnung nach Davos. Da die Höhenluft Sandra Cariboni tatsächlich half und sie eine Steigerung der Lebensqualität erfuhr, entschlossen sich die Eltern Rita und Dino Cariboni zum definitiven Umzug ins Landwassertal. Fortan lebte allerdings nur die Mutter, Sandra und deren Schwester Claudia in Davos. Der Vater pendelte zwischen Graubünden und Zofingen, wo er bis zu seiner Pensionierung ein Architekturbüro betrieb.

Durch ihre Mutter, auch Architektin von Beruf, die zuerst in Klosters und später in Davos als Eislauftrainerin arbeitete, stand Sandra Cariboni früh auf dem Eis. «Bis ich ernsthaft zu trainieren begann, vergingen allerdings mehrere Jahre. Eigentlich hatte ich nicht das Ziel, Eisläuferin zu werden. Es machte mir nur Spass, auf Schlittschuhen zu stehen», erzählt sie. Erst als sie mit sechs Jahren ihre ersten Wettkämpfe positiv absolvierte, steigerte sich bei Cariboni der Ehrgeiz. Nun wollte sie es plötzlich wissen, begann gezielt zu trainieren. «Meine erste Trophäe, einen Bergkristall, gewann ich 1977 an der Arosa-Trophy.» Weitere Pokale und Siege folgten, auch über die Kantonsgrenze hinaus bedeutende. Mit 13 Jahren war sie bereits Schweizer Juniorinnen-Meisterin. Obwohl die Konkurrenz hart war, gehörte sie landesweit in den nächsten Jahren stets zu den Besten. Der grosse Aufwand hielt Cariboni nicht davon ab, ihren Weg konsequent zu gehen. Im Gegenteil. «Natürlich fragte ich mich auch, ob und was ich alles verpasste. Meine Schulkolleginnen genossen ihre Freizeit, und ich musste ins Training und zu Wettkämpfen.» Nichtsdestotrotz ging sie ihren Weg. Konsequent und von ihrer Familie stets unterstützt.

Sarajevo als Höhepunkt der Karriere

Ihren ersten bedeutenden Triumph feierte Cariboni 1983 an der Schweizer Meisterschaft der Aktiven. Sie war damit die Nachfolgerin von Weltmeisterin Denise Bielmann. An den Europameisterschaften in Budapest 1984 holte sie die Silbermedaille in der Pflicht und mit dem Erreichen des sechsten Schlussrangs auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele 1984. «Die Teilnahme in Sarajevo war ein unvergessliches Erlebnis und zugleich der Höhepunkt meiner Karriere», sagt Cariboni. Dass sie den Olympia-Wettkampf auf Rang 10 abschloss – gewonnen wurde er von der Deutschen Katarina Witt vor der Amerikanerin Rosalynn Sumners und der Russin Kira Iwanowa –, war für die Bündnerin ein Erfolg. Als solche bezeichnet sie sich, trotz der erwähnten Wurzeln in Zofingen und ihrem Wohnort in Zürich, noch heute. «Obwohl die Besuche bei meinen Eltern in Davos in den letzten Jahren seltener geworden sind und mein Dialekt etwas anderes sagt, bin ich eine Davoserin geblieben.» Dass sie die Berge mit der Millionenmetropole Zürich getauscht hat, dafür gab es Gründe. Ausbildung, Beruf und Partnerschaft sind drei davon. In Zürich lebt Cariboni seit Jahren mit ihrem Partner Hans Gerber zusammen, dem Vater ihres Sohnes Zeno. Dreieinhalb Jahre ist der Filius alt und genauso lange das Wichtigste im Leben der ehemaligen Eiskunstläuferin. «Durch Zeno hat sich alles verändert – im positiven Sinn», sagt sie.

Nachwuchs fehlt die richtige Einstellung

Im Gegensatz zu ihrer Schwester Claudia, die an Schweizer Eiskunstlauf-Meisterschaften ebenfalls Medaillen und Auszeichnungen hamsterte (7-fache Pflichtmeisterin) und heute noch in Oerlikon als Eiskunstlauftrainerin arbeitet, steht die mehrfache WM- und EM-Teilnehmerin Sandra Cariboni nur noch selten auf dem Eis. «Auf der Kunsteisbahn Dolder betreute ich noch eine langjährige Schülerin. Mehr mache ich nicht mehr», sagt sie. «Jahrelang stand ich nach meiner Karriere noch auf dem Eis und arbeitete mit jungen Eiskunstläuferinnen.» Heute sagt sie, fehle ihr dafür die Zeit – und die Motivation. «Vielen Nachwuchsläufern fehlt die Einstellung, die es brauchen würde. Sie sind nicht bereit, alles für ihren Sport zu tun. So haben sie keine Chance, einmal etwas zu erreichen.» Das habe sie frustriert und zum Rückzug bewegt, erklärt sie. Auch das Interesse für den Eislaufsport sei kleiner geworden. «Nur die grossen Events verfolge ich am Fernseher noch.» Im Vergleich zu ihrem olympischen Wettkampf vor 28 Jahren habe sich der Sport unglaublich gewandelt und entwickelt. «Ich beherrschte damals zwei dreifache Sprünge. Die Besten vielleicht vier. Heute wird von den Topläufern fast alles dreifach gesprungen.»

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