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«Wo setzen wir der Technik eine Grenze?»

Ivo Bischofberger: Ich war erstaunt über den Wechsel. Bei der Diskussion um Präimplantationsdiagnostik (PID) handelt es sich um Werte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Kollegen vor einem halben Jahr nur oberflächlich damit auseinandersetzten.

Südostschweiz
Dienstag, 09. September 2014, 02:00 Uhr Aus erster Hand

Mit Ivo Bischofberger* sprach Anna Wanner

Herr Bischofberger, die Mehrheiten im Ständerat haben sich geändert. Nun sollen Embryonentests einem breiteren Publikum ermöglicht werden. Sind sie überrascht, dass der Wind gekehrt hat?

Änderungen sind aber immer möglich.

Der Entscheid erlaubt neben Gentests auch Chromosomentests bei Embryonen. Sie wehrten sich dagegen. Warum?

Es ist ein offenes Geheimnis: Der heutige Entscheid war nicht der letzte zu dem Thema. Die Liberalisierung wird immer so weiter gehen. Es fragt sich, wo setzen wir der Technik die Grenze?

Und die wurde gestern überschritten?

Ja. Das ist meine innere Wertehaltung. Und auch wenn die Technik und die Medizin weiter fortschreiten, müssen wir ihnen nicht zwangsläufig folgen.

Die Realität sieht anders aus: Paare, die eine Behandlung nicht in der Schweiz erhalten, weichen aufs Ausland aus.

Diese Argumentation stört mich. Wir machen die Gesetze für unser Land und die ethische Frage stellt sich unabhängig davon, ob wir ins Ausland gehen oder nicht. Als Gesetzgeber müssen wir uns fragen, welcher Weg für die Schweiz der richtige ist.

Stichwort «Schwangerschaft auf Probe»: Eine schwangere Frau kann Tests am Ungeborenen machen, die bereits vor der Schwangerschaft möglich wären, aber nicht erlaubt sind. Ist es sinnvoll, dass eine Frau schwanger wird, die später wegen Erbkrankheit abtreibt?

Der Rat hat sich für einen Systemwechsel ausgesprochen. Neu haben wir neben der Fristenlösung auch die PID. Bei einem Schwangerschaftsabbruch handelt es sich um einen subjektiven Entscheid, der in der Eigenverantwortung des Paares, namentlich der werdenden Mutter liegt. Bei der PID verschiebt sich die Kompetenz. Beim Embryo in der Petrischale bestimmt das Kollektiv mit: Ärzte und Wissenschaftler raten der Frau, welchen Embryo sie wählen soll.

Ihre Ständeratskollegin Anita Fetz sagte, es sei «zynisch», einer Frau einen Schwangerschaftsabbruch zuzumuten, nur weil die Selektion im Reagenzglas als schlimmer empfunden werde.

Ich weise das in aller Form zurück. Der Entscheid ist individuell. Wenn man allerdings bald alles Mögliche nachweisen kann, zwingt man Eltern fast dazu, solche Abklärungen zu machen. Auf Eltern mit behinderten Kindern lasten so indirekt Vorwürfe, weil sie die Tests nicht gemacht haben.

Für PID sind längst nicht alle zugelassen. Nur Paare, die chronisch unfruchtbar sind oder eine Erbkrankheit haben.

Ja, aber es ist trotzdem eine Ausweitung. Wir wollten die PID für 50 bis 100 Fälle zulassen. Jetzt steht sie über 1000 Paaren offen, der Bundesrat spricht sogar von 6000 Paaren.

*Ivo Bischofberger ist CVP-Ständerat aus Appenzell Innerrhoden.

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