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«Wir wollen keine ‘Chinesische Mauer’»

Vor wenigen Tagen sind in Bondo die Bagger für den Bau des Wasserbauprojekts Bondasca aufgefahren. Das Vorhaben ist umstritten. Doch die Naturereignisse von 2011 und 2012 zwangen die Gemeinde zum Handeln.

Südostschweiz
Sonntag, 12. Oktober 2014, 02:00 Uhr
«Wir wollen keine ‘Chinesische Mauer’»

In Bondo haben die Bauarbeiten für das Auffangbecken gegen weitere Naturereignisse begonnen

Von denise alig

D ie fusionierte Gemeinde Bregaglia, insbesondere die Fraktion Bondo, bekam Ende 2011 und im Sommer 2012 die Macht der Natur zu spüren: Am 27. Dezember 2011 ereignete sich am Piz Cengalo im Einzugsgebiet des Flusses Bondasca ein Felssturz mit einem Volumen von rund 1,5 Millionen Kubikmetern. Das Mate- rial blieb (vorerst) am Fuss des Cengalo liegen. Nach mehreren Starkniederschlagsereignissen im folgenden Sommer, die Teile der Schutthalde nach unten schoben, tobte in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 2012 ein besonders heftiges Unwetter. Dadurch lösten sich weitere riesige Felsbrocken aus der Cengalo-Geröllhalde und krachten auf einer Strecke von über drei Kilometern die Val Bondasca hinunter. Halt machten die nun zertrümmerten Gesteinsbrocken erst knapp vor Bondo. Laut einem der «Schweiz am Sonntag» vom kantonalen Tiefbauamt zur Verfügung gestellten Bericht war neben einigen Wiesen und Gärten am linken Ufer in erster Linie der Campingplatz am rechten Ufer betroffen. «Die massive Auflandung im Bereich von Bondo mit einer Mächtigkeit von fünf bis bis sechs Metern führte zu einer unmittelbaren Gefährdung der angrenzenden Siedlungs- und Gewerbegebiete sowie der Umfahrung Promontogno», heisst es im Bericht.

<strong>Zwar ging</strong> das gewaltige Naturereignis vom Sommer 2012 noch einigermassen glimpflich aus, da keine Menschen und Tiere zu Schaden kamen, Handlungsbedarf bestand trotzdem. Die Gemeinde ging in Absprache mit dem Kanton umgehend an die Planung von Schutzbauten. Mit dem Ergebnis, dass die Gemeindeversammlung von Bregalia im August 2013 auf Antrag des Gemeindevorstands einem sieben Millionen Franken teuren Bauvorhaben (siehe Kasten) mit einem Stimmenverhältnis von rund 60:40 Prozent zustimmte. Vor wenigen Tagen nun wurde mit den Bauarbeiten begonnen. Dadurch sind die Diskussionen um das umstrittene Projekt wieder neu aufgeflammt. Stellvertretend für nicht wenige Dorfbewohner, die sich nicht öffentlich äussern wollen, sagt Patrizia Guggenheim, in Bondo und Zürich lebende Herausgeberin, Autorin und Tochter des Malers Varlin: «Das Projekt muss mit Sensibilität ausgeführt werden, Landschafts- und Dorfbild müssen berücksichtigt werden, es darf keine ‘Chinesische Mauer’ entstehen.» Sie nehme aber auch die Angst der Bevölkerung vor einem weiteren Felssturz ernst, sagte Guggenheim. Entsprechend sei sie auch nicht grundsätzlich gegen den Bau eines Auffangbeckens.

<strong>Marcello Crüzer</strong>, der Leiter des Bauamts der Gemeinde Bregaglia, verhehlt nicht, dass es sich beim geplanten Auffangbecken um «einen grossen Eingriff» handelt. «Wenn ein solcher vermieden werden könnte, würden wir ihn vermeiden.» Er habe das Ereignis vom August 2012 zusammen mit seiner Familie aus nächster Nähe miterlebt. «Viele Dorfbewohner hatten grosse Angst.» Um ähnliche Ereignisse in Zukunft verhindern zu können, habe die Gemeinde, welche die Verantwortung für die Sicherheit der Bevölkerung trage, handeln müssen. «Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung trägt den Entscheid des Gemeindevorstands mit», sagt Crüzer mit Verweis auf erwähnte Gemeindeversammlung vom August 2013.

Crüzer räumt aber ein, dass mehrere Einsprachen eingegangen seien. Drei davon seien abgewiesen worden, da sie von Bewohnern stammten, die nicht in der Gefahrenzone lebten. «Wer dort wohnt, kann leicht sagen, dass das Projekt überrissen ist.» Eine weitere Einsprache sei im Einvernehmen mit den Klägern bereinigt worden. Im Übrigen betont Crüzer, habe die Gemeinde das Projekt sehr sorgfältig geplant, indem sie einen Bauberater und den kantonalen Denkmalschutz beigezogen habe.

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