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«Wir Bauern sind Unternehmer»

Herr Hassler, in der Land- und Alpwirtschaft sind viel Innovationsgeist und moderne Betriebskonzepte gefragt. Welches sind die grössten Herausforderungen im Berggebiet?

Südostschweiz
Donnerstag, 29. Januar 2015, 01:00 Uhr

Herr Hassler, in der Land- und Alpwirtschaft sind viel Innovationsgeist und moderne Betriebskonzepte gefragt. Welches sind die grössten Herausforderungen im Berggebiet?

Zu den grössten Herausforderungen gehören die Arbeitsbelastung einerseits und die hohen Investitionskosten für neue Projekte andererseits. Generell ist auch die Einkommenssituation unbefriedigend. Die Arbeitsbelastung für die Bauernfamilien ist meistens ohne zusätzliche Betriebszweige oder eines Nebenerwerbs bereits sehr hoch. Bei einer Neuinvestition muss die Rentabilität immer sorgfältig geprüft werden. Grösser werden ist nicht immer das richtige Rezept. Meist leidet die Lebensqualität darunter.

In der Diversifikation – also in der Kombination verschiedener Einkommensquellen – steckt grosses Potenzial für die betriebliche Entwicklung. Können Landwirte nur noch dadurch in Zukunft überleben?

Man muss unterscheiden. Grosse, gut geführte Betriebe müssen nicht nach weiteren Einkommensquellen suchen, kleinere aber sehr wohl. Es gibt Möglichkeiten zur Diversifikation. Das kann mit einem Nebenerwerb geschehen, aber auch mit zusätzlichen Betriebszweigen, wie zum Beispiel Agrotourismus, Hühnerhaltung, Fischzucht etc. Eine breitere Abstützung des Betriebes ist krisenresistenter und vermindert das Betriebsrisiko.

Braucht es diese regionalen Wirtschaftskreisläufe für stabile regionale Märkte?

Ja, diese sind von grossem Vorteil. Die Landwirtschaft muss so lange als möglich selber an der Wertschöpfungskette teilhaben können. Gute Beispiele dafür sind unsere regionalen Sennereien und Schlachthöfe. Diese bringen für die Bauern bessere Preise und schaffen zusätzliche Arbeitsplätze im Gewerbe und im Tourismus.

Welche Möglichkeiten bietet das wirtschaftliche Umfeld Graubündens, um mit der Landwirtschaft gemeinsam auf neue Kundennachfragen zu reagieren – in der Erzeugung und Vermarktung eigener Produkte oder etwa im Angebot von Dienstleistungen?

In unserem Kanton ist das Umfeld dazu gut. Graubünden ist eine gute, sympathische Marke. Von uns Bauern wird aber viel verlangt, wir müssen flexibel und innovativ sein, müssen auf die Wünsche der Konsumenten eingehen. Wir können aber nicht auf jeden kurzfristigen Trend reagieren, das ist zu kostspielig. Wir können unsere Infrastruktur nicht wechseln wie unser Hemd. Neuinvestitionen müssen gut durchdacht und nachhaltig sein.

Wo fehlt es an Unterstützung dabei?

Die finanzielle Unterstützung für neue Projekte ist bei uns solide und gut ausgebaut. Es gibt die ordentlichen Finanzhilfen über landwirtschaftliche Kredite oder über die neue Regionalpolitik. Die grosse Herausforderung ist meistens nicht die Investition, sondern die Problematik, den Betrieb nachher zu finanzieren. Im Allgemeinen darf die Kostenseite nicht unterschätzt werden.

Laut einer Studie des Bundesamtes für Statistik trugen 2014 die Aktivitäten in der Diversifikation einen kleinen Beitrag zum Gesamtumsatz bezogen auf den finanziellen Erfolg des Betriebes. Lohnt sich dieser Aufwand überhaupt?

Es kommt auf den Betrieb und auf die Neigungen und Kenntnisse jedes einzelnen darauf an. Wir Bauern sind heute Unternehmer, jeder Bauer muss selber entscheiden, welche Investition sich für ihn lohnt und welche nicht. Generell kann man sagen, dass die allermeisten Bauern bei ihrem Kerngeschäft bleiben wollen, nämlich bei der Produktion von gesunden Nahrungsmitteln.

ist Präsident des Bündner Bauernverbandes und Nationalrat der BDP.

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