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«Wie wenn man in einer fremden Kultur ins Theater geht»

«Wie wenn man in einer fremden Kultur ins Theater geht»

Der Basler Schlagzeuger Fritz Hauser gehört zu den Bekanntesten seiner Zunft – und hat nun mit einer Truppe von gehörlosen Tänzern ein Stück erarbeitet. Am Sonntag, 9. November, ist «Listen» im Theater Chur zu sehen.

Südostschweiz
vor 6 Jahren in

Julian Reich

Bündner Tagblatt: Fritz Hauser, wir erwischen Sie kurz vor der Abreise nach Paris, wo Sie Ihr Solostück «Trommel mit Mann» spielen werden. Nächste Woche sind Sie aber in Chur mit «Listen» zu Gast – suchen Sie die zeitliche Überschneidung Ihrer Projekte bewusst?

Fritz Hauser: Nein. Lieber würde ich so planen, dass ich konzentriert an einer Arbeit dran bleiben kann. Solche Überschneidungen machen es eher anstrengender. Dafür wird einem nicht so schnell langweilig, denn man muss sich die Stücke ja ständig präsent halten. Bei «Listen» war es auch nicht ganz einfach. Das Stück ist im letzten Jahr entstanden, in diesem Sommer haben wir es wieder aufgenommen, und das mit zum Teil neuen Tänzerinnen und Tänzern. Mittlerweile sind wir aber wieder gut eingespielt.

«Listen» ist eine Produktion von Theatertraum, einem Bühnenprojekt von Gehörlosen und Hörenden. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Mit dem Choreografen Kinsun Chan bin ich seit Jahren verbunden. Er hat schon früh Stücke von mir für seine Choreografien verwendet. Als er mich für «Listen» anfragte, wusste ich erst einmal nicht, was ich mir darunter vorstellen sollte: ein Tanzstück mit und für Gehörlose. Ich war dann aber schnell fasziniert von diesem Vorhaben.

Wie muss man sich «Listen» denn vorstellen?

Es ist ähnlich, wie wenn man in einer fremden Kultur ins Theater geht: Dort versteht man zunächst auch nichts, man muss das Verständnis auf einer anderen Ebene suchen. Faszinierend für mich war die Atmosphäre in den Proben. Die Gruppe besteht etwa zur Hälfte aus Hörenden und aus Gehörlosen. Wenn jemand spricht, respektive sich mit Gebärdensprache ausdrückt, gilt ihm die volle, ungeteilte Aufmerksamkeit. Es gibt kein Geschwätz, alle haben Sichtkontakt. Und es gibt keinen Raum für Ironie, Aussagen müssen eindeutig sein.

Als Schlagzeuger ist Ihre Welt die Musik, eine Welt, zu der Gehörlose eben gerade keinen Zugang haben. Was ist denn Ihre Rolle im Stück?

Die Wahrnehmung geht nicht über das Gehör, sondern über Vibrationen im Bühnenboden. Zunächst haben wir also herausfinden müssen, wie hart ich auf meine Instrumente schlagen muss, damit ich «gehört» werde. Ich muss dazu sehr laut werden. Es gibt Momente im Stück, in denen ich die Gruppe rhythmisch führen muss, aber das ist nicht ständig der Fall. Und es gibt gewisse Rückkoppelungseffekte, in denen die Bewegungen der Tanzenden auf mich als Musiker zurückwirken.

Um welche Instrumente handelt es sich?

Das Bühnenbild ist zugleich mein Klangkörper. Es besteht aus mehreren Holzobjekten, die wie eine Babuschka ineinandergestellt werden können. Jedes hat eine andere Grösse und klingt deshalb auch anders.

Und wie reagiert das Publikum?

Das Stück bietet eine tolle Begegnung sowohl auf der Bühne als auch mit dem Publikum. Wie viele Gehörlose im Publikum sitzen, merkt man übrigens am Geräuschpegel vor Stückbeginn. Es wird ja weniger gesprochen. Applaudiert auch nicht, in der Gebärdensprache ist Beifall eine Art Wedeln mit den Händen. Eine sehr schöne Geste.

Offenbar haben Sie viel aus der Zusammenarbeit mitnehmen können.

Auf jeden Fall. Ich möchte das aber nicht im gängigen Sinn verstanden wissen, wie wenn man gemeinhin über das Arbeiten mit Behinderten spricht. Die Gehörlosen sehen sich nicht als «Opfer», sondern haben viel Selbstbewusstsein. Sie betrachten sich nicht als behindert. Natürlich können sie gewisse Berufe nicht ausüben – aber das kann ich ja auch nicht. Wichtiger als das ist mir eine andere Ebene: Als Künstler sucht man normalerweise nach der perfekten Ausdrucksweise. Jedoch gelingt das oftmals besser, wenn man sich dabei einschränkt. Also wenn man zum Beispiel ein Gemälde kopfüber malt oder mit der falschen Hand. Es geht darum, nicht alles zu kontrollieren. Denn Kontrolle ist kein künstlerischer Vorgang, sondern ein technischer. Wenn man stattdessen den Kontrollverlust sucht, gelangt man oftmals zu ganz neuen Ausdrucksformen. Auch deshalb ist «Listen» für mich ein sehr bereichernders Projekt.

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