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Wie Hansruedi Stadler über Nacht zum Politstar aufstieg

Rückblick Vor dem 4. Februar 1994 hatte Hansruedi Stadler (CVP), Urner Landammann und Kämpfer für die Alpeninitiative, noch nie ein Fernsehstudio von innen gesehen.

Südostschweiz
Freitag, 21. Februar 2014, 01:00 Uhr

535?000 Zuschauer sassen damals vor dem Bildschirm, als Stadler bei seiner Premiere im Leutschenbach und in der «Arena» den medienerprobten Verkehrsminister Adolf Ogi (SVP) aus der Fassung brachte – was in den Augen vieler Beobachter den Ausschlag für die knappe Zustimmung zur Alpeninitiative am 20. Februar (51,9 Prozent Ja-Stimmen) gab.

Bundesrätlicher Fehltritt in «Arena»

«Ich wollte es natürlich besonders gut machen, meine Botschaft auf den Punkt bringen, quasi zu den Menschen in die Stube steigen», erinnert sich Stadler. Der damals 40-jährige, national noch unbekannte Politiker, zeigte mit einem gefalteten Blatt Papier auf, wie eng das Urner Reusstal ist, wie viel Lärm der Verkehr dort verursacht, wie sehr der kleine Kanton Uri unter der Lastwagenflut leidet.

Den matchentscheidenden Punkt landete Stadler dank eines Fehlers von Adolf Ogi. Wie kam es dazu? Stadler argumentierte, mit einem Ja zur AlpenInitiative würden sich auch die Milliardeninvestitionen in die Neat besser rentieren. «Wir selbst zahlen die Neat, nicht Brüssel», sagte er. In einer emotional aufgeladenen Atmosphäre, die damals im «Arena»-Studio herrschte, unterlief Ogi nun der entscheidende Lapsus: «Ihr Urner müsst schon gar nichts sagen. Ihr, denen wir ja alles zahlen», schleuderte er nicht nur Stadler, sondern der gesamten Urner Bevölkerung an den Kopf. Ogi beging die Todsünde, in einem Land, in dem der Föderalismus heilig ist, auf einen Kleinstkanton einzuprügeln.

Zuschriften aufbewahrt

Stadler hingegen verliess die denkwürdige «Arena» als Sympathieträger. «Der Urner Landammann», schrieb der «Blick», sei «über Nacht zum neuen Schweizer Politstar» aufgestiegen. Die «New York Times» berichtete über ihn, es hagelte Medienanfragen und Gratulationszuschriften, die Stadler noch immer fein säuberlich in einer Schachtel aufbewahrt.

Im Jahr 2000, als Ogi sein Bundesratsamt niederlegte, schrieb ihm Stadler, unterdessen Ständerat, eine Karte. Es habe sich um eine Auseinandersetzung zwischen zwei Berglern gehandelt, die ihre Berge liebten, liess der Urner Stadler den Kandersteger Ogi wissen. Er habe nicht gegen Ogi, sondern für eine Sache, den Alpenschutz, gekämpft. «Ogi war ein guter Bundesrat. Man hat sein Herzblut gespürt», sagt Stadler.

Ogi entschuldigt sich bei Urnern

Herzblut versprüht Adolf Ogi (71) noch immer. Unsere Zeitung erreicht ihn, als er gestern im Zug im Lötschbergtunnel sitzt. «Es war ungeschickt von mir», sagt Ogi. Der Satz über den Kanton Uri tue ihm leid. Er sei später auf Stadler zugegangen und habe sich mehrmals bei den Urnern entschuldigt. «Ich wollte sie in keiner Art und Weise angreifen.» Kein Politiker komme ohne Ausrutscher durch seine Karriere, gibt er zu bedenken. Er habe die Initiative im Auftrag von Bundesrat und Parlament ablehnen müssen.

Ogi, der im Winter noch immer täglich auf Alpin- und Langlaufski unterwegs ist, lässt durchblicken, dass er die Initiative persönlich sogar befürwortete. Als Bergler habe er eine hohe Sensibilität für den Alpenschutz. «Wie ein Löwe habe ich für die Neat gekämpft», sagt Ogi. Die Alpen-Initiative habe geholfen, das Jahrhundertprojekt an der Urne durchzubringen.

Zustände wie am Brenner

Hansruedi Stadler, der 2010 aus dem Ständerat zurücktrat, spricht 20 Jahre nach dem Ja zum Alpenschutz von einer «klugen, weitsichtigen verkehrspolitischen Weichestellung». Auch wenn jährlich immer noch 1,2 anstatt wie im Verlagerungsgesetz vorgesehen 650?000 Lastwagen durch die Alpen brettern, sagt er: «Der Einsatz für die Initiative hat sich gelohnt.» Ohne den Volksentscheid, befürchtet Stadler, hätte man in der Schweiz Zustände wie am Bren-nertunnel in Österreich, durch den jährlich 2 Millionen Lastwagen fahren. Die Verlagerungspolitik sei zwar noch nicht am Ziel. «Aber es ist besser, wenn wir auf dem richtigen Weg hinken, anstatt festen Schrittes ins Abseits zu wandern», sagt Stadler.

Zweite Röhre – ein «Fehltritt»

Als Fehltritt bezeichnet er die Pläne des Bundesrates für einen zweiten Gotthardtunnel. Damit sende man ein verheerendes Signal an die EU aus. Nämlich, dass es die Schweiz mit der Verlagerung der Güter auf die Schiene vielleicht doch nicht so ernst meint. Zudem beschleicht Stadler noch immer das Gefühl, dass der Bundesrat und eine Mehrheit des Parlaments die Umsetzung des Alpenschutzartikels verschleppt. Als geeignetes Instrument propagiert Stadler eine Alpentransitbörse. Der Bundesrat hält die Versteigerung von Lastwagenfahrten in einer «kurz- und mittelfristigen Perspektive», wie er im Verlagerungsbericht 2013 schreibt, jedoch für unrealistisch. Und eine «Arena»-Sendung zu diesem Thema zeichnet sich vorderhand nicht ab.

Kari Kälin

kari.kaelin@luzernzeitung.ch

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